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Vorwort zur deutschen Ausgabe

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Als R. Schneor Salman, der Verfasser des Tanja, am 18. Elul 5505/1745 nahe dem weißrussischen Ljosna geboren wurde, verkündete R. Israel Baal Schem Tov im weit entfernten Medžybož das Erscheinen einer hehren Seele, die mit dem Licht der Tora die Welt erhellen würde. So zeigte R. Schneor Salman schon in früher Kindheit herausragende Geistesgaben, und bei seiner Bar Mizwa wurde ihm von den größten Gelehrten der Generation der Titel Rav Tanna Hu U‑Palig1 verliehen – „er ist den Gelehrten früherer Generationen ebenbürtig und berechtigt, anderer Rechtsmeinung zu sein“. Nach seinem Anschluss an die chassidische Bewegung 5524 /1764 widmete er sich fast fünf Jahrzehnte lang der Formulierung des intellektuell geprägten Chabad-Chassidismus ebenso wie der Führung des russischen Judentums, ehe er 55 73/1812 auf der Flucht vor den Wirren des Russisch-Französischen Krieges verstarb. Postum wurde er auch als Verfasser des Schulchan Aruch HaRav bekannt, eines bis heute gültigen Grundlagenwerks jüdischer Rechtsliteratur.

Sein philosophisches Hauptwerk, das 1796 erschienene „Buch Tanja“ – so genannt nach dem ersten Wort des einleitenden Zitats aus dem Talmud – beeinflusst mit seiner bahnbrechenden Synergie aus Mystik, Ratio und praktischer Ethik das jüdische Leben und Denken bis heute in vielfältiger Weise. Im „Buch Tanja“ durchleuchtet der Verfasser die spirituellen Grundlagen des Judentums – den Sinn des Daseins, das Wesen der zwei menschlichen Seelen, das spirituelle und ethische Potential des „Durchschnittsmenschen“, die g-ttliche Existenz und ihre Offenbarung. Das sind Themen, die in ihrem Kern den endlichen menschlichen Verstand übersteigen. Nach R. Schneor Salman muss jedoch g-ttliche Doktrin einer bedingten intellektgeleiteten Analyse unterzogen werden, damit der Mensch – idealerweise ein intellektgeleitetes Wesen – auf innerliche und bleibende Weise berührt wird. Der Intellekt wird so zu einem wichtigen Behelf für das wahre Ziel – Avoda, den Dienst G‑ttes, der die Grenzen des Intellekts überwindet.

Das „Buch Tanja“ ist im Sprachstil eng an die Heiligen Schriften gebunden, und ähnlich diesen erlangt auch im Tanja jedes Wort und jeder Buchstabe nuancenreiche Bedeutung. Diese Besonderheit des Originals in einer anderen Sprache wiederzugeben, ist nur beschränkt möglich. Dazu ist noch die traditionelle Behutsamkeit bei der Deutung dieses Werkes in Betracht zu ziehen. Daher scheint die sprachliche Nähe zum Original der richtige Weg zu sein, um den Deutsch Lesenden mit diesem bedeutenden Beitrag zur Geistesgeschichte bekannt zu machen.

Für die vorliegende zweite Auflage wurde die im Jahr 2000 erschienene Übersetzung grundlegend überarbeitet, und an mehreren hundert Stellen ergänzt und verbessert. Besonderer Dank gilt dabei R. Schneor S. Eidelman (Wien) für die kompetente und geduldige inhaltliche Beratung. Die erste Ausgabe sahen außerdem R. Jaakow J. Weiser (Wien) und R. David J. Rappoport (New York) durch. Fr. Ruth Winkler besorgte das fundierte Korrekturlesen.

Außerdem wird die deutsche Übersetzung nun erstmals mit dem hebräischen Originaltext abgedruckt, um eine vertiefende Beschäftigung mit dem Werk zu erleichtern. Die beigefügten Datumsangaben sollen helfen, im „Buch Tanja“ nach dem vom sechsten Lubawitscher Rebben, R. Josef Jizchak Schneersohn, festgelegten jährlichen Studienzyklus zu lernen.

RABBINER JACOB I. BIDERMAN
LEVI STERNGLANZ

Wien
3. Tamus 5767/19. Juni 2007

Fußnoten
1.
Siehe u.A. Ejruvin 50b.
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