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Heimkehren ins Licht

Heimkehren ins Licht

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Im spirituellen Universum des Rebbe gibt es niemanden, der als Fremder zur Quelle des Lebens kommt. Sie ist kein Ort, der entdeckt werden muß oder an den man ab Tourist gelangt. Es gibt nur eine Heimkehr, eine Rückverbindung.

Die Seele beginnt in einer innigen, wesenhaften Bindung zur Quelle jenseits aller Dinge. Selbst wenn sie sich in die irdische Welt begibt, in eine menschliche Form, bleibt diese uranfängliche Bindung bestehen. Es ist diese Verbindung, die sie beständig zur Heimkehr drängt, die sie anzieht wie ein Magnet seine andere Hälfte. Die ganze Suche des Menschen, all sein spirituelles Streben, ist nichts ab ein Ausdruck dieser Dynamik, dieses Durstes nach Heimkehr.

Die Sehnsucht heimzukehren wohnt uns allen inne, muß aber noch erweckt werden. Die Seele muß erst erkennen, daß sie sich weit von ihrer Quelle entfernt hat. Die intensive Sehnsucht nach Heimkehr in ihrer ganzen Stärke findet man deshalb in jener Seele, die sich weit von ihrem wahren Selbst entfernt hat und schließlich erkennt, daß sie sich verirrt hat. In einer solchen Seele ist das Verlangen nach Rückverbindung voller Leidenschaft und Kraft. Der Antrieb zurückzukehren ist G-ttes Fischernetz. Denn bei ihrer Suche nach einem Weg, sich mit Ihm wieder zu vereinen, findet die Seele G-tt in allen Dingen der Welt. Und damit werden auch diese Dinge in den Prozeß mit einbezogen. Je tiefer der Abstieg, desto größere Schatze werden gehoben.


Unsere Welt ist eine Welt, wo ein Regenbogen sein könnte. Zuerst gab es eine Welt, die nur empfing und keine Dividenden zahlte. Ihre Bewohner ergriffen keinen Besitz von ihr. Sie lebten in der Güte ihres Schöpfers, sie taten, was sie taten, ohne eine Notwendigkeit der Begründung, und schließlich starben sie, wie sie starben. Das war alles.


Mit der Sintflut wurde die Welt wiedererschaffen. Die Erde wurde gereinigt, die Atmosphäre geklärt. Es entstand eine Welt, die den Sonnenschein aufnehmen konnte, der von oben herunterströmte, und ihn in viele Farben aufspaltete. Es entstand eine Welt, in der Wesen geboren werden konnten. Sie konnten eine Seele, einen Körper, ihren Teil der Welt und alles was der Schöpfer ihnen gab, annehmen, nutzen und etwas damit tun - und dann heimkehren und sagen: «Sieh, was ich mit dem gemacht habe, was du mir gegeben hast!»

Und so schwor G-tt, die Welt nie wieder zu zerstören. Denn wenn ihre Bewohner auch gefehlt hatten, so konnten sie doch immer wieder umkehren und ihre eigene Unordnung aufräumen.


Ein alter Midrasch (mit Ausschmückungen):

Adam trottete durch das Tor des Garten Eden, das Haupt gesenkt und die Fuße schwer von Reue und Schmerz. Dann hielt er inne. Es war ihm ein Gedanke gekommen. Er wirbelte herum, sah auf und rief aus: «Warte mal einen Moment! Du hast das alles ja geplant! Du hast die Frucht dort hingetan im Wissen darum, daß ich davon essen würde! Das ist alles ein Trick! Und ich kann das auch beweisen: In deiner Thora, die du vor der Schöpfung der Welt geschaffen hast, hast du geschrieben: Dies ist zu tun, wenn ein Mensch stirbt ... Du hast also geplant, daß es den Tod in der Welt geben sollte! Du hast nur gewollt, daß ich dafür verantwortlich sein sollte! »

Die Midrasch berichtet nichts über eine Antwort auf Adams Schrei. Nur Stille. G-tt sah, daß die Seele des Menschen wahrhaft sehr groß war und Er fragte sich: «Wie soll diese ganze Größe verwirklicht werden?»

Und so gab Er dem Menschen den freien Willen - seine eigenen Siege zu wählen oder seine eigenen Fehler zu machen.

Ohne Fehler und Versagen wird der Mensch nie wirklich in die Tiefen seiner Seele vordringen. Nur, wenn er einmal gefehlt hat, kann er umkehren und höher und höher steigen. Über Eden hinaus.


Erfolg bedeutet nach der höheren Ordnung, daß eine Seele, die sich entfremdet hat, heimkehrt. Das ist das großartigste Zeugnis ihrer Unverwüstlichkeit und ihrer Tiefe: Gleich, wie weit sie sich entfernen mag, kann sie sich doch nicht von sich selbst losreißen.

Heimkehr ist der letzte Akt des Selbstausdrucks. Niemand kehrt zurück, weil ihm das vorgeschrieben wurde. Die Fähigkeit heimzukehren kommt nur aus dir selbst.


Jemand, der aus der Dunkelheit heimkehrt, muß etwas davon mitbringen und in Licht verwandeln. Er muß seine Erfarhung nutzen, um höher und höher zu steigen, mit immer größerer Stärke.

Derjenige, der von weit her zurückkommt, ist größer als jener, der immer in der Nahe war. Worauf es ankommt, ist nicht so sehr, wo du stehst, sondern mit welcher Kraft du dich in welche Richtung bewegst.


Als G-tt alles, was existiert, schuf, ließ er Kräfte entstehen, die Ihn offenbaren, und Kräfte, die sich Ihm widersetzen. Er schuf Licht, und Er schuf Dunkelheit. Jemand, der Gutes tut, bringt mehr Licht in die Welt. Jemand, der versagt, nährt die Dunkelheit.

Jener jedoch, der versagt und dann umkehrt, transzendiert die gesamte Ordnung. Er wendet sich direkt an den Urschöpfer, jenseits von Dunkelheit und Licht.

Und so wird seine Dunkelheit zu Licht.


Wenn das Licht die Dunkelheit verdrängt, entsteht immer wieder neue Dunkelheit. Wenn die Dunkelheit aber selbst in Licht transformiert wird, wird daraus ein Licht, dem keine Dunkelheit widerstehen kann.

Heimzukehren dauert nur einen Augenblick. In einem Moment noch ist ein Wesen vielleicht in der allergrößten Entfernung von seinem G-tt und seinem wahren Selbst, und schon im nächsten Augenblick ist er in vollendeter Vereinigung mit Ihm. Die Kraft zur Heimkehr ist nicht an die Zeit gebunden.

von Tzvi Freeman
Tzvi Freeman ist der Autor von Bringing Heaven Down to Earth und Be Within, Stay Above, zwei Bände mit Meditationen, sowie zahlreicher Artikel über jüdische Mystik und Philosophie. In 1975 gab Freeman seine Karriere als Musiker (klassische Gitarre) auf um Talmud und jüdische Mystik zu studieren. Während seinem Studium gründete er die erste chassidische Rockband. Er ist auch der Gründer von Adam v’Adamah – einer jüdischen Umweltgruppe.
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