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Was ist schlecht an Religion?

Was ist schlecht an Religion?

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Religion bietet Erlösung, Erleuchtung, einen Platz im Himmel. Religion lehrt die Besserung des eigenen Ich: Demut, Hingabe, Glaube. Religion fordert ein Verhaltensniveau das unseren Seelen, unseren Körpern, und unserer Gesellschaft gut tut. Ich bin froh, dass Judentum keine Religion ist. Denn all das Genannte kann selbstzentriert und narzistisch sein. Religion kann ihr eigener schlimmster Feind sein.

Religion betont die Bedeutung von Gutem und Gerechtem. Sie verurteilt all die Schlechten und die, die sich irren. Diejenigen, welche eine Religion praktizieren streben danach perfekt zu sein. Versagen sie, mögen sie verurteilt werden, aber wenn sie Erfolg haben, dann können sie intolerant gegenüber anderen sein. Ich bin froh, dass Judentum keine Religion ist.

Religion kann nicht anders als ein Kastensystem kreieren – je religiöser desto besser, höher, heiliger. Weniger religiös ist niedriger, geringer, profaner. Die Frommen kann man in Prozenten messen. 100%, 50%, 2%.

Religion besteht darauf, dass unsere Natur schlecht sei. Um gut zu sein – so wird uns erklärt – müssen wir unseren natürlichen Impulsen widerstehen, und sie durch andere weltliche Tugenden ersetzen. Du kannst nicht „Du“ und gut gleichzeitig sein. Also musst du dein „Du“ opfern und stattdessen das „Gute“ wählen. Ich bin froh, dass Judentum keine Religion ist.

Freud, der Vater der Psychoanalyse, hatte etwas erkannt, als er sich verwirrt zeigte über seine eigene betäubte und doch tiefe Jüdischkeit. Was ist Judentum? G-tt gab uns Gebote, die Ihm lieb sind und die essentiell sind für Seinen ewigen Weltenplan. Wenn wir eine Mizwa (ein Gebot) ausüben, tun wir etwas für Ihn. Etwas das Er unendlich wünscht, das Ihn in Ewigkeit berührt.

Wir dienen Ihm, anstatt anzustreben, dass wir von Ihm bedient werden. Die Gelegenheit zu dienen bietet einen Ausweg aus dem Narzismus indem sie uns über uns selbst hinausträgt. Das Wesentliche ist nun die Tat, nicht die Person. Ist die Tat gut? Das ist die Frage. Ist sie richtig? Auch wenn ich nicht zur Gänze gut bin, kann ich das wahrhaft Gute tun. Wenn du eine Mizwa machst, ist das gut, unabhängig davon, wer oder was du sonst bist. Diese garantierte Gelegenheit bringt wirkliche Freude ins Leben. Daher heisst es „Diene G-tt mit Freude“, denn Dienen ist hier das einzige Mittel zur Freude.

Wenn du dich dem Dienst an G-tt hingibst, ist es ganz natürlich, dass du andere willst, die das Gleiche tun, denn nur gemeinsam können wir Seinen Plan wirklich erfüllen. Es geht um Kooperation, nicht um religiösen Wettbewerb.

Nicht weniger signifikant ist die Tatsache, dass wir geboren sind für diese Mizwot. G-tt hat uns für dieses Projekt geschaffen. Es ist daher gerade unser wahrstes „Selbst“, das die Mizwot ausübt, und nicht etwa Selbstverleugnung.

Die 613 Mizwot machen dich nicht religiös oder fromm. Sie verbinden einfach das jüdischste im Juden mit dem G-ttlichsten in G-tt. Eins zu eins.

Die Mizwot sind die vielen Intimitäten, die wir mit G-tt teilen können. Sie drücken das Jüdische in dir aus. Jede Mizwa zählt – jeder Jude / jede Jüdin ist wertvoll. Ja, das ist Judentum.

von Manis Friedman
Rabbi Manis Friedman ist Dekan des 1971 gegründeten „Bais Chana-Institute of Jewish Studies" in Minnesota, der weltweit ersten Jeschiwa für Frauen. Von 1984-1990 war er einer der Simultanübersetzer der im Fernsehen übertragenen Ansprachen des Lubawitscher Rebben.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des omek Magazine Chabad/Zurich
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