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Was ist eine Mizwa ohne Liebe?

Was ist eine Mizwa ohne Liebe?

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Viele kennen die Geschichte im Talmud über den Mann, der den weisen Hillel bat, ihn die gesamte Tora zu lehren während er auf einem Fuß steht. Hillel antwortete darauf mit dem Satz: »Was du nicht willst, dass man dir tut, das tu auch keinem andern an. Das ist die gesamte Tora. Der Rest ist Kommentar.« Im Wesentlichen, sagt Hillel, ist die Tora Liebe – Liebe für den Nächsten.

Klingt verblüffend einfach. Bei näherer Betrachtung aber gibt die Aussage Hillels einige Rätsel auf. Jeder, der sich mit der Tora beschäftigt hat, weiß, dass ein großer Teil der Tora mit der Liebe in keinem offenkundigen Zusammenhang steht. Die Gesetze über koscheres Essen zum Beispiel – Handlungsmuster für die Liebe zum Nächsten? Die Gesetze über Reinheit und Unreinheit – Anleitungen für mehr Friede und Toleranz? Nur die Gesetze über Zwischenmenschliches – Nächstenliebe, Zedaka, Gastfreundschaft und Besuch von Kranken etwa – sind Ausdrücke der Liebe zum Nächsten, scheint es. Was also meint Hillel, wenn er sagt, das Leitmotiv der Tora sei die Liebe?

Geist und Materie

Rabbi Schneor Salman erklärt in seinem klassischen Werk, dem »Buch Tanja« (Kapitel 32), dass die gesamte Tora darauf abzielt, den Vorrang der Seele über den Körper, den Vorrang von Geist über Materie zu etablieren. Statt unserer physischen Begierden sollte die Seele die treibende Kraft und der Körper ihr Vehikel sein, um so G-ttlichkeit in der Welt zu offenbaren.

Das erste Gesetz der Materie besagt, dass das Materielle per definitionem Zeit und Raum beansprucht. Und deshalb schließt eine physische Existenz hier, an diesem Platz, jede andere physische Existenz an diesem Platz aus. Wenn ich jemandem Platz machen will, muss ich von meinem Sessel aufstehen. Du hast weniger Essen, wenn du es mit mir teilst.

Geistiges auf der anderen Seite ist über die Dimensionen von Zeit und Raum erhaben, und erlaubt so, dass zwei Menschen teilen, sich vereinen und einander bedingungslos lieben. Nach dem Gesetz der »geistigen Natur« werde ich nicht weniger, wenn ich dir gebe, ich werde im Gegenteil mehr.

Das ist die Essenz wahrer Liebe

Wir gewinnen somit eine tiefe Einsicht in das Wesen der Liebe wie auch der Tora: Wahre Liebe ist nicht die Ich-bezogene Erfüllung meiner Bedürfnisse, Liebe ist: Der Vorrang der einigenden Seele über trennende Körper, die Bändigung der Materie durch den Geist. Nur so ist wahre Liebe möglich, und diese Einsicht, sagt Hillel, »ist die gesamte Tora«.

Konsequent umgesetzt, sind Hillels Implikationen weitreichend: Wirkliche Tora ohne Liebe, sagt er, existiert nicht. Ja, technisch ausführen kann man alle Mizwot ohne Liebe, aber ihren Geist – die Liebe und Wärme, die sie erzeugen – verpasst man dabei völlig. Eine Mizwa ohne Liebe ist ein Widerspruch, denn eine Mizwa ist Liebe. Noch mehr: Wird eine Mizwa auf eine Weise getan, dass sie nicht Liebe von anderen fördert, entheiligt sie G-tt. Der große Nachmanides schreibt, dass es ein ausdrückliches Verbot gibt, ein Scheusal im Namen der Tora zu sein. Wie es im Midrasch auf den Punkt gebracht wird: »›Ve’ahavta et Hashem Elokecha‹ (Du sollst den Ewigen, deinen G-tt lieben) im Schma-Gebet bedeutet: Mache G-tt in den Augen anderer geliebt durch dein Verhalten.«

Das Potential zur Verfeinerung

Jede Mizwa – sei es zwischen Mensch und Mitmensch oder Mensch und G-tt – schult uns, weniger selbstbezogen zu sein und dafür empfindsamer unserer Umgebung gegenüber. Der Schabbat zum Beispiel zeigt an, dass wir nach sechs Tagen des Untertauchens im Materiellen wieder unserem spirituellen Leben etwas mehr Zeit widmen sollten. Der Segen über Nahrung gibt uns eine kurze Pause zur Erkenntnis, dass eine Mahlzeit kein Akt des Sichgehenlassens ist und wir nicht bloß für unser leibliches Wohl speisen. Die Nahrungsaufnahme kann eine Übung der persönlichen Verfeinerung sein: Wir erheben das Essen und nutzen seine Energien, um konstruktiver und produktiver zu sein.

Und so hat jede Mizwa-Tat das Potential, uns zu sensibleren, verantwortlicheren Individuen machen, indem sie uns lehrt, wie man das G-ttliche in unserem tagtäglichen Leben erkennt und zu Tage fördert: Wenn wir wach sind, wenn wir schlafen, wenn wir essen, wenn wir lesen, wenn wir arbeiten und wenn wir spielen.

Unsere hauptsächliche Aufgabe ist es, zu verstehen, dass Liebe zur Tora und Liebe zu G-tt eins ist mit Liebe zu Mitmenschen. Indem wir Mizwot auf diese Weise erfüllen, sind wir auf dem besten Weg, Hillels Vision umzusetzen. Der Rest ist Kommentar.

Entnommen aus dem OLAM.org Magazine - A conversation for the soul (Issue 2)

von Simon Jacobson
Rabbiner Simon Jacobson ist der Autor von Toward a Meaningful Life: The Wisdom of the Rebbe (William Morrow, 1995) und der Gründer und Direktor von Meaningful Life Center, www.meaningfullife.com
Das Bild ist von der chassidischen Künstlerin Shoshannah Brombacher. Um ihre Bilder zu sehen oder zu kaufen, klicken Sie hier.
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