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Schin – Die Matriarchen

Schin – Die Matriarchen

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Rabbi Schalom DovBer Schneerson, der fünfte Rebbe von Lubawitsch, schrieb 1901 einen Brief an seine Anhänger, der den 19. Kislew als das „Neue Jahr des Chassidismus“ benannte.1 Als der Brief die Anhänger des Rebben in der Stadt Brisk erreichte, war der 19. Kislew bereits vorüber. Die Chassidim wollten eine besondere Feier zu Ehren des Rosch HaSchana von Chassidus durchführen und planten diese für den Purim Katan (dem 14. Adar I). Als diese Nachricht, dass sie den 19. Kislew zu Purim Katan feiern wollten, den Raw von Brisk, Raw Chaim Brisker,2 erreichte, gab dieser bekannt, „Wir vermischen nicht einen freudigen Tag mit einem anderen. Jeder Feiertag [/ Jedes freudige Ereignis] verlangt einen eigenen Tag für sich selbst.“

Als seine Kopie des gleichen Briefes die Chassidim in Wilna erreichte, fand sie irgendwie den Weg zum Gericht von Rabbiner Chaim Ozer Grodzinsky.3 Nachdem er eingegangen war, spottete einer der anderen Richter am Rabbinatsgericht des Raws, „Die Mischna sagt, dass es nur vier Rosch Haschanas gibt und sie machen ein fünftes!“ Rabbi Chaim Ozer entgegnete, „Du verminderst die Feiertage. Sie fügen zu Feiertagen hinzu!“4 Rabbi Chaim Ozer Bemerkung implizierte, dass der Richter die Feiertagen, die immer existierten, nicht genug ehrte. Die Lubawitscher hingegen bereitwillig mehr taten, als vorgeschrieben war.

Beide Geschichten belegen, dass der 19. Kislew nicht nur von Chassidim, sondern auch von führenden nichtchassidischen Kreisen anerkannt wurde.

Design

Der einundzwanzigste Buchstabe des Alphabets ist das Schin.
Das Schin umfasst drei vertikale Linien, die für drei Säulen stehen. Der Buchstabe selbst sieht wie eine Krone aus.

Die drei Linien des Schin können als die drei Hauptebenen des Menschen interpretiert werden: Kesser (Wille und Freude), der Intellekt und die Emotionen.5

Zudem kann das ganze Schin nur für eine der Dimensionen stehen, und jede der drei Linien steht für eine Unterglieder dieser Dimension. Im Bezug auf Kesser, Kesser ist das, was jenseits des Intellekts besteht; der Wille und die Freude des Königs. Die Gematria von Kesser ist 620. Da das Schin durch Kesser repräsentiert wird, wurden der Welt, durch die drei Linien – oder Kanäle – des Schin, 620 Strahlen gegeben. Diese Strahlen wurden der Welt durch die rechte Linie gegeben, die Chessed ist; die linke Linie, Gewura; und die mittlere Linie, Erbarmen.

Das Schin steht für die intellektuelle Dimension, die drei Linien stehen für die drei intellektuellen Fähigkeiten der Sefiros: die rechte Linie ist Chochma, ein Gedankenblitz; die linke Linie ist Bina, Verständnis; und die mittlere Linie ist Daas, die Anwendung des Wissens.

Schließlich gibt es die Ebene der Emotionen, oder Middos. Hier stellt die rechte Linie des Schin Chessed dar; die linke Gewura; und die mittlere Linie Tiferes. Weiter können die drei Linien des Schin auch für die drei Säulen stehen, auf denen die Welt ruht:6 das Studium der Tora, Gebet und gute Taten.

Ein weiterer Aspekt der Säulen des Schin wird durch die drei Patriarchen widergespiegelt. Abraham wird durch die rechte Linie, Chessed, repräsentiert, da er diese vollkommen verkörpert, eine nach außen gerichtete Verbindung zu Anderen, und die Vollbringung guter Taten. Isaac steht für die linke Linie, Gewura (Disziplin und Strenge), bezeichnend dafür, dass er sich selbst reflektierte und forderte; er konzentrierte sich auf die Verbesserung seiner Persönlichkeit und intensives Gebet. Jacob ist die mittlere Linie. Diese ist Tiferes, oder Harmonie, weil er die Stärken von Abraham und Isaac, Chessed und Gewura, in sich aufnahm und sie in Erbarmen zusammenfasste. Jacob steht ebenfalls für das Studium der Tora, weil die Tora die positiven und die negativen Gebote in einharmonisches Ganzes einfließen lässt.

Der Buchstabe Schin hat vier unterschiedliche Formen. Es gibt ein Schin mit einem Punkt über der rechten Säule, ein Schin mit einem Punkt über der linken Säule, ein Schin mit vier Säulen, statt drei, und schließlich das stille Schin. Wenn sich der Punkt auf der rechten Seite befindet, betont das Schin Chessed. Wenn der Punkt auf der linken Seite ist, hebt das Schin (gesprochen „Ssin“) den Aspekt des Gerichtes oder der Strenge hervor. Diese beiden Formen werden durch die Wörter Schaar und Sei’ar verkörpert. Das Schin des Wortes Schaar (Tor) hat seinen Punkt auf der rechten Seite, wie es auch ein Tor ermöglicht, dass Menschen hinein- und herausgehen, einem Aspekt der Offenheit oder Chessed. Dieses Schin ist voller Energie und Güte. Wenn wir den Punkt des Schin auf die linke Seite verschieben, die Gewura ist, so ergibt sich daraus das Wort Sei’ar oder Haar. Haar trägt die Eigenschaften des Lebens, aber einer Lebenskraft, die bemerkenswert reduziert oder schwach ist. Ein Haar kann herausgezogen oder abgeschnitten werden, ohne dass man dabei Schmerz verspürt, ganz anders verhält es sich mit einem Finger, oder einem anderen Teil des Körpers. Ein Haar ist in einem Follikel, einer verengten Öffnung, verwurzelt. Wir sagen folglich, dass das Schin, mit dem Punkt auf der linken Seite, Stärke und Beschränkung.

Das Schin mit den vier Säulen finden wir auf den Tefillin, die auf dem Kopf getragen werden. Eine Seite der Tefillin hat ein Schin mit drei Linien und die andere hat eines mit vier Linien. In seinen Persönlichen Notizen7 führt der Rebbe hierfür zwei Gründe an. Als Erstes, das Schin mit den vier Linien ist das Schin der Luchos, der Tafeln mit den zehn Geboten. Die vier Linien repräsentieren die Ehrfurcht und die Heiligkeit vor den eingravierten Worten G’ttes in einen physischen Stein. Um dies zu verdeutlichen, stelle man sich die drei Linien vor, die in einen Stein graviert wurden. Wenn man nun den Stein betrachtet, der um das Schin herum verblieben ist, so wird man vier Säulen erkennen. Dies sind die vier Linien dieser Form des Schins. Sie sind das reflektierte Licht der Luchos.

Der zweite Grund, den der Rebbe anführt, ist, dass das Schin mit den vier Linien für die vier Mütter steht: Sara, Rebekka, Rachel und Lea.

Man kann zwischen diesen beiden Interpretationen eine Verbindung herstellen. Wie die Luchos, so sind auch die Lehren unserer Mütter in unsere Herzen und in unseren Verstand eingraviert. Eine Mutter lehrt Liebe und Mitgefühl. Ihre Lehren beginnen bereits vor der Geburt und hinterlassen einen bleibenden Eindruck auf die auf ihre Kinder. Stellen wir dies nun den Anweisungen des Vaters gegenüber. Diese beginnen kaum später im Leben, oftmals in einer Atmosphäre der Strenge.

Die Erziehung durch die Mutter ist grundlegender und unauslöschlich, sie wird dadurch durch die Luchos repräsentiert, die eingraviert sind. Die Bildung durch den Vater sind wie die Buchstaben der Tora, Tinte auf Papier, die ausgelöscht werden können. Auch wenn die Anweisungen des Vaters wichtig sind, so hat doch die Mutter einen bleibenderen Einfluss auf das Kind. Unsere Mütter, verbunden mit de Ehrfurcht vor ihren Weisungen, werden darum, wie die Luchos, durch das Schin symbolisiert, welches vier Linien besitzt.

Die letzte der vier Formen ist das stille Schin. Das stille Schin finden wir im Namen Jissachar, der zwei Schin enthält. Nur das erste wird betont. Was passierte mit dem zweiten? Zuerst müssen wir verstehen, wer Jissachar war. Jissachar und Zevulun waren zwei von Leahs Kindern. Die beiden Brüder schlossen eine Vereinbarung. Jissachar würde den ganzen Tag Tora studieren und Zevulun hinaus in die Welt gehen und Handel treiben. Zevulun würde danach nach Hause zurückkehren und die Gewinne mit seinem Bruder teilen (50:50). Im ungekehrten Fall würde die Hälfte der Verdienste, die Jissachar durch sein Tora-Studium erwirbt auf Zevulun übergehen. Demzufolge muss es für diejenigen, die sich ganz dem Tora-Studium widmen auch die geben, die das Lernen der Tora unterstützen. Folglich wird das erste Schin in Jissachar – welches für den aktiven Partner, Jissachar, steht – betont. Aber das zweite Schin – welches die stille Partnerschaft, Zevulun, repräsentiert – bleibt „stumm.“8

Das obige Thema wird durch die eigentliche Struktur des Wortes Jissachar unterstrichen, Jissachar kann in zwei Wörter geteilt werden:9 Jesch S’char, bedeutet “es gibt Verdienst.” Diese Übersetzung spielt auf Zevulun und seine Unterstützung an.

Es steht ebenfalls im Einklang mit der letzten Mischna im Traktat Uktzin. In der Mischna heißt es: „In der Zukunft wird G’tt jedem Zaddik und Zaddik (d.h., jedem und jedem Zaddik) 310 Welten vererben.“ Was bildet diese 310 Welten? Der Alter Rebbe erklärt in Likkutei Tora:10 „Als Juden haben wir 613 Mitzwot und 7 rabbinische Gesetze, die zusammen 620 sind, dies ist die gleiche Gematria wie Kesser, Krone. Die Sefirah von Kesser steht für die Welt der Freude, sie ist folglich die ultimative Stufe für das Tun von Mitzwot. Die 310 Welten sind die genaue Hälfte davon.“

Man kann sagen, dass die Teilung der 620 Welten, die Teilung der Verdienste zwischen dem Zaddik Jissachar und dem Zaddik Zevulun widerspiegelt. Dies zeigt sich auch in dem Wort Jesch, gleicht 310: = Jud= 10 , Schin=300. Die 310 (Jesch) Welten dienen als Verdienst (S’char) für Zevulun, für seine Partnerschaft mit Jissachar.

Im Namen von seinem Vater Rabbi Levi Jitzchak Schneerson,11 erklärt der Rebbe, dass es zwei Stufen der Tora gibt: die Stufe, die offenbart ist, der Talmud und die Halacha, und die Stufe, welche verborgen ist, Kabbala und Chassidus. Die offenbarte Stufe wird betont, so wie das erste Schin von Jissachar. Aber das zweite Schin, die verborgene Stufe, bleibt stumm.

Gematria

Der Zahlenwert von Schin ist dreihundert.12 Wir wissen, dass die Zahl 100 Perfektion darstellt. In der akademischen Welt wird es als tadellos betrachtet, wenn man 100 Prozent erreicht. Dieses Konzept bleibt auch im Judentum wirksam. Wenn eine Person drei unerschütterliche Linien von Gedanken, Sprache und Tat bildet, dann ist sie perfekt. Dieser Mensch wird folglich durch die Zahl dreihundert repräsentiert. Jede dieser drei Säulen ist einhundert Prozent.

Das Schin, welches für Schuwa (Reue) steht, versinnbildlicht ebenfalls den Jom Kippur. Die Gematria des Wortes Kapper („Sühne“) ist 300: Kaf=20, Pei=80 und Reisch=200. Der Tag von Jom Kippur generiert die Kraft, die einem Menschen das Potential gibt, während des ganzen Jahres perfekt zu sein. Wenn wir für unsere Sünden am Jom Kippur Buße tun, haben wir das Potential die Perfektion des Schin zu erreichen, was 300 ist.

Wenn nun der Buchstabe Schin ausgesprochen wird, so ist seine Gematria 360: Schin = 300, Jud = 10, Nun = 50. Es gibt 12 Monate im Jahr. Der durchschnittliche Monat hat 30 Tage.13 12-mal 30 sind 360. Folglich hat die Sühne des Jom Kippur (wo das Schin = 360 ist) einen Effekt auf das ganze Jahr (das durchschnittlich 360 Tage hat).14

Bedeutung

Der Buchstabe Schin hat fünf Definitionen.15 Das erste Schin ist Schein, was “Zahn” oder „Zähne“ bedeutet. Das zweite ist Schanisi, was mit „Standfestigkeit im Glauben“ übersetzt werden kann. Das dritte ist Schinoy, was „zum Guten verändern“ ist. Das vierte ist Schuwa, was „umkehren“ bedeutet. Die fünfte ist Schana, „Jahr.“

Im Allgemeinen benutzt man die Zähne (Schein) um Nahrung zu kauen. Die Zähne zerteilen Nahrung und mahlen sie. Diese Tat stellt eine Person dar, die sorgsam mit ihren Taten umgeht, diese "wiederkäut" oder vorsichtig ist. Zudem repräsentieren die Zähne Stärke. Oftmals nutzen wir unsere Zähne, wenn wir nicht die Stärke besitzen etwas mit unseren Händen zu erreichen. Diese Stärke bringt uns zur nächsten Interpretation des Schin, also Lo Schinisi, derjenige, der sich nicht ändert. Dies stellt den Menschen dar, der stark in seinem Glauben ist. Er kann sich an einen anderen Platz bewegen. Es kann sein, dass das Wetter heiß oder kalt ist. Seine Arbeit oder seine finanziellen Mittel können sich verändern. Aber dieser Mensch hat die Fähigkeit stark zu bleiben, und nicht zu schwanken, gleich welche Wendungen das Leben nimmt.

Das Schin steht ebenfalls für das Konzept von Schinoy, was bedeutet, sich zum Guten zu verändern. Wenn ein Mensch erkennt, dass er Fehler besitzt, das er in seinem Intellekt, Verständnis und Wissen oder in seinem Gedanken, Sprache und Tat nicht perfekt ist, unternimmt er einen Versuch dies zu verbessern.

Diese Fähigkeit zur Veränderung hat eine direkte Verbindung zum Konzept von Schuwa, was umzukehren bedeutet – auf den Weg der drei Patriarchen, Abraham, Isaac und Jacob. Als Juden haben wir die Verbindung unserer Vorväter zu G’tt geerbt: die Eigenschaft der Liebe von Abraham, Ehrfurcht von Isaac und Gnade von Jacob. Jeder Jude kann immer zu G’tt zurückkehren.

Dies führt uns zur letzten Bedeutung des Schin, Schana, was „Jahr“ bedeutet. Ein Jahr hat vier Jahreszeiten. Der Herbst ist die Zeit, wenn man in die Geschäftswelt eintritt, nach einem Monat voller Feiertage: Rosch HaSchana, Jom Kippur und Sukkos. Der Winter ist eine Zeit von Kälte und Gleichgültigkeit. Das Frühjahr verkörpert eine Periode von Wiedergeburt und Wachstum. Es erinnert uns daran, nicht selbstzufrieden zu sein, sondern lieber konstant in unserem Streben nach G’tt und in Menschlichkeit zu wachsen. Und die Hitze vom Sommer weckt die Leidenschaften des Körpers. In jedem Aspekt der jahreszeitlichen Änderung muss man in seinem Glauben an G’tt standhaft bleiben. Die vier Jahreszeiten wiederholen sich in den vier Linien des Schin. Das Gegenmittel für die in jeder der vier Jahreszeiten inhärenten Herausforderungen sind die vier Matriarchen. Ihre Liebe und Konsistenz fördern unser Wachstum von einer Jahreszeit zur Nächsten.

Rosch HaSchana ist auch mit dem Buchstaben Schin verbunden. Die Mischna sagt uns, dass es drei unterschiedliche Rosch HaSchanas gibt. Dies spiegelt sich in den drei unterschiedlichen Linien des Schin wieder – jede steht für eines der drei Schanim oder Anfänge des Jahres. Hier muss noch eine weitere Meinung angeführt werden, dass es vier Anfänge des Jahres gibt.16 Dies wird durch das Schin mit den vier Linien dargestellt.

Entsprechend der chassidischen Philosophie gibt es noch ein weiteres Rosch HaSchana. Man kann sagen, dass dies durch die Krone des Buchstaben Schin symbolisiert wird. Dieses Rosch HaSchana ereignet sich am 19. Kislew, dem Tag, an dem der Alter Rebbe 1798 aus dem Gefängnis entlassen wurde. Der Alter Rebbe war letztlich wegen des Verfassens der Tanja, bekannt als dem „geschriebenen Gesetz“ von Chabad Chassidus, eingekerkert worden. Tragischerweise wurde er von einigen seiner Mitjuden verleumdet, die meinten, dass sein mystischer Text zu radikal gegenüber der vorherrschenden Strömung des jüdischen Denkens war. Diese Widersacher verleumdeten den Alter Rebbe gegenüber den Behörden und er wurde umgehend inhaftiert.

Der 19. Kislew wird nicht nur durch die Chassidim gefeiert, er fand auch Anerkennung bei den Führern der litauischen Jeschiwa, einschließlich Rabbi Chaim “Brisker” Soloveitchik und Rabbi Chaim Ozer Grodzinsky von Wilna, wie in der Eröffnung dieses Kapitels dargestellt.

Es sollte angemerkt werden, dass der 19. Kislew für Chassidim als der “Feiertag der Feiertag” bekannt ist.17 Im Judentum wird jeder Feiertag als ein Feiertag der Freude (Simchah) bezeichnet. Seit die chassidische Philosophie lehrt, dass jeder Tag und alles mit Freude erfüllt werden muss, ist daher dass chassidische neue Jahr die Quintessenz und die Quelle für diese Freude. Nun folgt etwas, was das Schin, im Vergleich mit den anderen Buchstaben, einzigartig macht. Es kann an unterschiedlichen Plätzen im Wort selbst erscheinen, ohne dass es die Bedeutung des Wortes selbst ändert. Es kann jedoch die geistliche Bedeutung des Wortes beeinflussen.18

Das klassische Beispiel hierfür ist das hebräische Wort für „Schaf.“ Es kann Kesev oder Keves buchstabiert werden. Ein Schaf war das traditionelle Opfer, welches zweimal täglich, in den Tagen des ersten und zweiten heiligen Tempels, dargebracht wurde. Beide Wörter enthalten genau die gleichen Buchstaben, In Kesev kommt das Schin vor dem Beis. Aber in Keves kommt das Beis zuerst, gefolgt vom Schin. Wir wissen, dass der buchstabe Kaf für Kesser steht, die Krone von G’tt, also Seinen Willen und Seine Freude. Das Beis ist der menschliche Intellekt, der allgemein in zwei Aspekte unterteilt wird: das Konzept und das tatsächliche Verständnis von dieser Idee. Der Buchstabe Schin steht für die drei Säulen der Emotionen eines Menschens (Chessed, Gewura, Tiferes). Die Reihenfolge des meschlichen Verhaltens folgt üblicherweise dem feststehenden Muster von Keves: Zuerst kommt das Verlangen eines Menschen nach Freude (Kaf). Der nächste Schritt ist das Beis, der Intellekt, der dem Verlangen eine kognitive Form verleiht. Dieser Prozess führt zu den Gefühlen, Schin, die dann schließlich zur Erfüllung des Ziels führen.

Manchmal jedoch ist man in der Lage, den Intellekt durch das Verwenden der Emotionen zu umgehen, um das Verlangen zur Erfüllung zu bringen. Zum Beispiel gibt der emotionale Stress von einem allerletzten Termin einer Person die Stärke, die ganze Nacht aufzubleiben und in einer übermenschlichen Art Leistungen zu vollbringen. Wäre der Intellekt sein einziger Motivator, so würde die Aufgabe wahrscheinlich auf eine methodischere, aber weniger effiziente Art erfüllt. Dies ist das Wort Kesev. Anstatt das das Beis (Intellekt) dem Kaf (Kesser) folgt, haben wir nun zuerst das Schin, die drei Säulen der Emotionen. Das Beis, der Intellekt, kommt zum Schluss. Wenn ein Mensch die Fähigkeit besitzt, vor seinem Intellekt seine Emotionen positiv zu verwenden, dient er als Beispiel für das Konzept von Schtus de Keduscha – übernatürliche spirituelle Torheit (wie bereits im Kapitel zum Buchstaben Kuf dargelegt).

Dieser Aspekt von Kesev wird zum Beispiel durch den Weg erklärt, durch den die Juden in der früheren Sowjetunion und Osteuropas ihre Traditionen und Bräuche während der siebzigjährigen Zeit des Kommunismus bewahrten. Sie hatten alle Gründe das Praktizieren des Judentums aufzugeben. Nach den Gesetzen der Tora ist man nicht verpflichtet für das Judentum zu sterben. Man muss sein Leben nicht dafür geben, dass man Schabbos hält. Man muss sein Leben nicht dafür geben, dass man die Mitzwa erfüllt und dreimal am Tag betet oder Tora lernt. Doch über die gesamte Geschichte hindurch haben viele Juden mit Stolz gesagt, „Wir werden weiterhin als Juden leben, auch wenn wir dafür sterben müssen.“

Channuka steht für den gleichen Aspekt. Wenn sich die Geschichte von Channuka darstellt, so waren es nicht die physischen Körper der Juden, die in Gefahr waren, es waren ihre spirituellen Leben. Die syrischen Griechen sagten, „Lebt in Israel. Wir wollen euch nichts tun. Folgt nur unseren Gesetzen. Beschneidet eure Kinder nicht. Haltet keinen Schabbos. Studiert keine Tora.“ Doch der innerste Funke im jüdischen Volk, ihre Verbindung zu G’tt, übertraf ihren Intellekt. Darum waren sie bereit ihre Leben zu geben – und wurden schließlich mit dem Sieg über ihre Feinde und der Entdeckung eines einzigen Kruges mit Öl, welches für acht volle Tage reichte, belohnt. Und wieder sehen wir das eigentliche Wesen von Kesev, wenn die Emotionen des Schin, dem Intellekt des Beis vorausgehen.

Das Schaf (Keves oder Kesev), demütig von Natur aus, folgt seinem Herrn, dem Schäfer. Es unterwirft sich vollkommen dem Willen G’ttes. Als Ergebnis wird es als Opfer auf dem Altar verwendet, um eins mit G’tt zu sein. Dies ist der Buchstabe Schin, der Buchstabe, der einen Mensch Mit G’tt vereint.

Fußnoten
1.
Der Tag, an dem der Alter Rebbe im Jahre 1798 aus dem Gefängnis entlassen wurde. Siehe hierzu auch HaJom Jom, zum 19. Kislev.
2.
Rabbi Chaim “Brisker” Soloveitchik (1853-1918).
3.
Reb Chaim Ozer war ein Mitglied der litauischen Bewegung und hatte großen Respekt vor den Chassidim, wie sie vor ihm. Er war ein Freund des Rebbe Raschab, der fünte Rebbe von Chabad, und sie arbeiteten bei vielen Projekten zusammen, die zu Gunsten der Juden in Russland waren.
4.
Die Geschichte geht wie folgt, Rabbi Chaim Ozer bezog sich darauf, dass sein Kollege nicht am BeHaB fastete – die Tradition, dass man am Montag, Donnerstag und Montag nach den drei Wallfahrtsfesten fastet – oder den Tag vor dem neuen Monat. (Siehe die Einleitung zur hebräischen Ausgabe von Kuntres U’Maayon, einem bekannten Diskurs, geschrieben von Rabbi Shalom Dov Ber Schneersohn, dem Rebbe Rashab, Kehot Publication Society.)
5.
Siehe hierzu das Kapitel zum Buchstaben Kaf.
6.
Pirkei Awot 1:2.
7.
Reschimos #157, S. 9.
8.
Zwei weitere traditionelle Gründe werden im nachfolgenden klassischen Werk gefunden: Daas Zekeinim m’Baalei Tosfos, welches Bereschit 30:14 kommentiert.
9.
Siehe Or HaChaim zu Bamidbar 26:23. Ebenfalls zu finden in B’nei Jissaschar von R. Tzvi Elimelech of Dinov.
10.
Behaalotcha, S. 34a.
11.
Sefer HaArachim Chabad, Osios, Buchstabe Schin, S. 453.
12.
Die Zahl 300 steht für Schönheit (Mischna Tamid 2:2). Sefer HaSichos 5750, S. 669; siehe ebenfalls Shulchan Aruch des Alter Rebbe, Bd. I, Kap. 25:9.
13.
Sefer HaArachim Chabad, loc. cit., S. 452-453, Fußnote 365.
14.
Likkutei Levi Yitzchak, Kommentar zum Tanach, S. 37. Dort wird auch erklärt, dass das Wort Haschana, welches wörtlich “das Jahr” bedeutet, die Gematria 360 hat. Siehe ebenfalls Sefer HaArachim Chabad, loc. cit., S. 453.
15.
Ebenda, S. 421-424.
16.
Im Traktat Rosch Haschana 1:1 wird dargelegt, dass der erste Nissan das neue Jahr für Könige und Feiertage ist, und der erste Tischrei das neue Jahr für Kalenderjahre, für das Verzehnten von Tieren und für Pflanzungen. Der fünfzehnte Schewat ist das neue Jahr der Bäume. Entsprechend Tanna Kamma ist eigentlich der erste Elul das neue Jahr für das Verzehnten der Tiere, was es zu dem vierten neuen Jahr machen würde.
17.
Likkutei Sichos, Bd. 35, S. 279.
18.
Sefer HaArachim Chabad, loc. cit., S. 448.
von Aaron Leib Raskin
Rabbiner Aaron Leib Raskin wurde in Brooklyn, New York geboren. Er besuchte die Vereinigten Lubawitscher Jeschiwa und studierte am rabbinischen College of America in Morristown, NJ 1986. Als Chabad-Lubawistch Abgesandter, half Rabbi Raskin der Gemeinde B'nai Avraham in Brooklyn Heights sich im Jahr 1988 zu gründen, wo er als geistiger Führer arbeitete. Seine wöchentlichen Lesungen werden von Richtern, Anwälten, Ärzten und Menschen aus ganz New York gut besucht. Er ist Autor eines breiten Spektrums jüdischer Themen, von denen er mehr als 180 Audio-Kassetten aufnahm.
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