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Samech - Zu unterstützen und zu heilen

Samech - Zu unterstützen und zu heilen

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Yaakov war über mehrere Wochen sehr krank. Er entschloss sich schließlich Rabbi Mordechai von Neshchiz um Rat zu fragen. „Rebbe“, schluchzte er, „bitte hilf mir. Ich bin furchtbar krank. Ich bin zu jedem Doktor in der Stadt gegangen, aber niemand konnte mich heilen.“

„Es scheint so, dass du nicht zu dem richtigen Doktor gegangen bist“, entgegnete Rabbi Mordechai. „Geh sofort nach Anipoli und sprich mit dem dortigen Spezialisten. Dann wirst du geheilt werden.“

Yaakov dankte dem Rebbe für dessen Ratschlag, mietete eine kutsche, und fuhr nach Anipoli. Als er dort ankam, fragte er die erste Person, die er sah, „Bitte, sag mir wo der große Spezialist lebt. Ich bin sehr krank und muss jetzt mit ihm sprechen.“

Der Mensch war ratlos. „Du kamst wegen eines Spezialisten nach Anipoli?! Dies ist eine so kleine Stadt, dass wir hier nicht einmal einen Doktor haben.“

„Das kann nicht stimmen“, drang Yaakov. „Rabbi Mordechai von Neshchiz sagte mir genau, geh nach Anipoli, zum dortigen Spezialisten. Du musst mir jetzt sagen – wo lebt er?“

„Aber hier gibt es keinen Arzt“, wiederholte der Mann.

Yaakov ging zu allen Einwohnern der Stadt, und stellte jedem die gleiche Frage: „Wo ist der Spezialist? Ich muss ihn jetzt unbedingt sehen.“ Und jeder gab ihm die gleiche Antwort: „Es gibt keinen Spezialisten in Anipoli. Es gibt hier nicht einmal einen Doktor.“

Enttäuscht und frustriert kehrte Yaakov zu Rabbi Mordechai von Neshchiz zurück. „Rebbe“, sagte er, „ich verstehe nicht. Du hast mich nach Anipoli gesandt, aber die Leute dort sagten mir, dass es dort nicht nur keinen Spezialisten gäbe, sondern nicht einmal einen Arzt.“

„Hmm. Sie haben nicht einmal einen Doktor?“ fragte der Rebbe. „Hast du die Leute gefragt, was sie tun, wenn sie krank sind?“

„Ja, ich fragte“, entgegnete Yaakov, „sie sagten mir, dass sie, wenn jemand krank ist, zu G’tt bieten und auf Ihn vertrauen, dass er sie heile.“

„Verstehst du nun?“ erklärte Rabbi Mordechai. „Die Menschen von Anipoli gehen zu dem größten Spezialisten der Welt. Sie beten zu G’tt. Er ist derjenige, der alle heilt.“1

Design

Die Form des Samech ist ein geschlossener Kreis. Ein Kreis steht für Undendlichkeit, weil er keinen Anfang und kein Ende hat. In der Kabbala steht das Samech für die unbegrenzte Kraft der Ein Sof, G’ttes unbegrenztem Licht. Das Samech steht für eine ehrgeizige, unternehmungslustige Person.

Der kreisförmige Aspekt des Samech steht für Unterstützung, wie die Ringe, die alle Arten des Lulav zusammenhalten.2

Das Samech ähnelt auch einem Hochzeitsband. Ehemann und Ehefrau haben in einer Beziehung ein starkes Verlangen eins zu sein, wie auch ein periodisch auftretendes Bedürfnis nach Eigenständigkeit. Wie ein Kreis keine unterscheidbaren Merkmale hat, so müssen auch die vielen unterschiedlichen Aspekte der Ehe nicht gegeneinander stehen: sie können letztlich innerhalb derselben ununterbrochenen Struktur des Kreises zusammengebunden werden.

Schliesslich symbolisiert der Ring das Einstehen der Eheleute füreinander. Eine Frau symbolisiert die entschiedene Unterstützung ihres Mannes dadurch, dass sie ihn siebenmal unter der Chuppa umkreist. Ebenso wird die Verpflichtung des Mannes durch das Geben des Ringes symbolisiert. Wenn Sie jemanden aufhelfen, der gefallen ist, unterstützen und umschließen sie ihn oder sie. Mit dem Hochzeitsring sagen wir letztendlich, „ Dieser Ring hat keinen Anfang oder kein Ende, keine Hochs oder Tiefs. Das Merkmal der Umfassung ist, dass sie ununterbrochen ist. So wird auch meine Verpflichtung für Sie dich beständig sein, dein ganzes Wesen umfassen, ganz gleich welche Höhen und Tiefen unsere Beziehung haben wird.“

Wir finden dasselbe Konzept, wenn wir das jüdische Volk betrachten, welches mit G’tt am Berg Sinai verheiratet wurde. Der Talmud sagt,3 dass das Geben der Tora am Sinai „eine Verlobungszeremonie“ war, wenn uns G’tt den Ring, das Hochzeitsband, gab. Zu dieser Zeit verpflichteten wir uns G’ttes Gesetzen zu folgen, „und G’tt verpflichtete sich das jüdische Volk mit Nahrung“ und allen anderen Dingen zu versorgen.4

Gematria

Der Zahlenwert von Samech, dem fünfzehnten Buchstaben des Aleph-Beis, ist sechzig. Im Birkat Kohanim5 gibt es fünfzehn Worte und sechzig Buchstaben. Wenn der Kohen das Volk segnet,6 muss er seine beiden Hände zusammenhalten. Entsprechend der Mischna gibt esw dreißig Knochen in jeder Hand, sechzig, wenn die Hände zusammengehalten werden.

Warum ist Birkat Kohanim so besonders? Die Ergebnisse von solchen Segnungen sind prompt und ohne Unterbrechung, der Stärke eines mächtigen Stroms ähnlich, den kein Damm stoppen kann. Birkat Kohanim verkörpert das Konzept des Samech: unbegrenztes Licht und Kraft.

Eine Halacha bezüglich Kaschrut ist ein Beispiel für die Stärke des Samech. Stell dir vor, dass jemand in einem großen Topf Cholent kocht.7 Der Topf ist voller Fleisch. Zugleich muss aber eine Flasche mit Milch für sein oder ihr Baby vorbereitet werden. Versehentlich fällt ein Tropfen Milch in den Topf. Ist der Cholent nun koscher oder nicht? Das Gesetz sagt, dass, wenn die Menge des Cholent sechzig Mal größer ist, als die des „Tropfen“ Milch, dann ist der Fehler ausgelöscht. Das Verhältnis dieser Annullierung ist eins zu sechzig, und es ist der Ursprung des Ausdrucks Batel Beschischim.

Es ist bemerkenswert, dass das Wort Ayin, welches „nichts“ bedeutet, dieses Konzept widerspiegelt, denn wenn man den Wert seiner Buchstaben addiert: Aleph = 1, Jud = 10, und Nun = 50, gleich 61 sind. Eins zu sechzig ist wie nichts.

Andere bemerkenswerte Verbindungen zu sechzig: König Solomons Nachtlager umgaben sechzig der edelsten Männer, um ihn zu schützen. Die Mischna hat sechzig Traktate. Als der fünfzehnte Buchstabe des Aleph-Beis besitzt Samech, durch die Nummer fünfzehn, eine interessante Verbindung zur Heirat. Im Talmud heißt es:8 “Es gab niemals größere Tage der Freude für das jüdische Volk, als den fünfzehnten Av.” Am fünfzehnten des Monats Av gingen die allein stehenden Mädchen von Israel in das Feld hinaus und tanzten in einem Kreis (einem Samech) und sangen, „Jungen, seht her und findet eine Ehefrau für euch.“ Da sich ein Mann und eine Frau in einer ehe verbanden, stellt dies die größte Einheit und darum die größte Freude in der Welt dar, diese Freude kann auf den Kreis des Samech zurückgeführt werden.

Der Rebbe sagt, dass der fünfzehnte des Av der Tag ist, welcher einen Vorgeschmack auf die Offenbarung gibt, die den Maschiach und die Errichtung des dritten Tempels begleiten wird.9 Es wird gesagt, dass der 15. eines jeden Monats der Zenit des jüdischen Kalenders ist, da das jüdische Volk mit dem Mond verglichen wird, und der fünfzehnte den Vollmond markiert. Der fünfzehnte ist der Höhepunkt des Monats Av. Da der Abstieg im Av das Tief im Kalender markiert (die Zerstörung der beiden Tempel am 9. Av), ist der dann resultierende Aufstieg, der fünfzehnte Av, der höchste Tag im Kalender.10

Av wird Aleph-Beis buchstabiert. Dies weist darauf hin, dass der größte Buchstabe im Aleph-Beis das Samech ist. Der größte Tag des Jahres, der 15. Av, kann auch als der 15. (Buchstabe) des Aleph-Beis gelesen werden.11

Wenn es einen Tag gibt, der das Hochgefühl übertreffen kann, welches entsteht, wenn sich Ehemann und Ehefrau treffen, so würde dies das Kommen des Maschiach und die Wiedererrichtung des Tempels – die ultimative Vereinigung und Wiedervereinigung des jüdischen Volkes mit G’tt – sein. Wie es im Talmud heißt:12 „[Zu dieser Zeit] wird G’tt einen Kreis für alle Gerechten machen [wie einwie ein Samech] und er wird zwischen ihnen sitzen. Jeder von ihnen wird mit seinem Finger zeigen und sagen, ‚Dies ist unser G’tt … wir haben auf Ihn gewartet und Er ist hier um uns zu retten. … Lassen Ihn uns loben und über seine Rettung glücklich sein.’“13

Bedeutung

Das Wort Samech bedeutet „zu unterstützen“, wie es im Schmone Esre heißt:14 „Somech noflim. - Er unterstützt jene, die fallen.“ Es ist nicht zufällig, dass das Samech dem Nun im Aleph-Beis folgt. Wie zuvor erwähnt, ist das Nun jemand, der gefallen ist, und als solcher benötigt er das Samech um unterstützt und erhoben zu werden. Auf der anderen Seite des Nun befindet sich das Mem, welches es ebenfalls stützt. Aber das Samech ist bedeutender als das Mem. Jeden Tag, wenn wir die Segenssprüche am Morgen sagen,15 dass G’tt Somech Noflim ist – Er denjenigen unterstützt, der gefallen ist. Wir sagen ebenfalls, dass er Zokeif Kefufim ist (mit dem Mem, welches am Ende befindet) – Er richtet die Gebeugten auf. Während das mem das Aufrichten von jemandem kennzeichnet, der gebeugt ist, kann das Samech das Gewicht von jenen tragen, die ganz gefallen sind.

Die ersten beiden Buchstaben des Wortes Samech sind Samech–Mem. Zusammen bilden sie das Wort Sam, was ein Trank oder Medizin bedeutet. Dies ist nicht nur relevant bei der Betrachtung der physischen Gesundheit, sondern auch der geistlichen Gesundheit.

Es wird auch gesagt, dass das Samech und das Mem zwei verschiedene Zeiten darstellen.16 Das geschlossene Mem steht für den Garten Eden (was vor dem menschlichen Auge verborgen ist), die Welt der Seelen, welche jetzt in einer anderen Dimension existiert. Das Samech (das größer als das Mem ist) steht für die Zeit von Techiyas HaMeisim, der Auferstehung der Toten.17 Dies ist die endgültige Manifestation, dass der Mashiach kommt, wenn all die Seelen der Verstorbenen zu körperlicher Form zurückkehren und sich für alle Zeiten auf Erden befinden werden.

In der kommenden Welt wird der Ring des Samech noch bedeutender, als seine ursprüngliche Funktion, der Unterstützung der Gefallenen, schon ist. Dann wird er die unbegrenzte, transzendente Heilung ausstrahlen, die für ewig andauern wird.

Fußnoten
1.
Von A Treasury of Chassidic Tales, op. cit. (Hinweis des Verfassers: Natürlich muss man versuchen den besten Doktor für seine Erkrankung zu finden. Doch zugleich müssen wir uns vergegenwärtigen, dass es G’tt ist, der durch den Doktor die Heilung einer Person bewirkt.)
2.
Die Mitzwa von “Lulav und Esrog” wird während des Sukkotfestes erfüllt und enthält eine Kombination eines Dattelpalmenzweiges, Myrten- und Weidenzweigen, welche in ihrer Gesamtheit Lulav genannt werden, und zu denen die Frucht des Zitrusbaumes (Esrog) hinzukommt, mit ihnen werden vorgeschriebene Bewegungnen ausgeführt.
3.
Taanis 26b.
4.
[252] Siehe HaJom Jom Eintrag für den 28. Tischrei [bezüglich des Verses, Vayikra 26:3-4:] “Wenn du Meine Gebote hältst ... werde Ich dir den Regen in seiner Zeit geben....” Dies bedeutet, dass, wenn das jüdische Volk Tora lernt und die Mitzwot erfüllt, G’tt es mit allen Dingen versorgen wird, die es benötigt (symbolisiert von der alles umfassenden Segnung des Regens).
5.
Bamidbar 6:23. Siehe ebenfalls Siddur Tehillat Hashem, S. 10, et al.
6.
Für einen chassidischen Einblick in diese Mitzwa siehe Derech Mitzvosecha (des Tzemach Tzedek), S. 223-224. Kehot Publication Society, Brooklyn, NY, 1991.
7.
Ein heißer Eintopf mit Fleisch, Kartoffeln und Bohnen, der traditionell am Schabbat-Tag gegessen wird.
8.
Taanis 26b.
9.
Sefer HaMaamarim Meluket, Bd. IV, S. 348.
10.
HaJom Jom, bzgl. 15. Av.
11.
The Alef-Beit, op cit., s. 228.
12.
Taanis 31a.
13.
Jeschajahu 25:9.
14.
Das Amida Gebet, der Mittelpunkt des G’ttesdienstes.
15.
Psalm 145.
16.
Sefer HaArachim Chabad, Osios, Buchstabe Samech, S. 238.
17.
Während das Mem den Maschiach repräsentiert, steht das Samech für Sovev Kol Almin, G’ttes unbegrenztes Licht, welches in der Zeit der Wiederauferstehung der Toten offenbart wird.
von Aaron Leib Raskin
Rabbiner Aaron Leib Raskin wurde in Brooklyn, New York geboren. Er besuchte die Vereinigten Lubawitscher Jeschiwa und studierte am rabbinischen College of America in Morristown, NJ 1986. Als Chabad-Lubawistch Abgesandter, half Rabbi Raskin der Gemeinde B'nai Avraham in Brooklyn Heights sich im Jahr 1988 zu gründen, wo er als geistiger Führer arbeitete. Seine wöchentlichen Lesungen werden von Richtern, Anwälten, Ärzten und Menschen aus ganz New York gut besucht. Er ist Autor eines breiten Spektrums jüdischer Themen, von denen er mehr als 180 Audio-Kassetten aufnahm.
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