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Ökologie und Spiritualität in der jüdischen Tradition

Ökologie und Spiritualität in der jüdischen Tradition

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Ökologie ist eine höchst praktische Teildisziplin der Wissenschaft. Nichts könnte uns mehr „auf den Boden der Wirklichkeit zurückbringen“, als die Bewahrung des Planeten, doch gibt es eine Facette des ökologischen Bewusstseins, die oft übersehen wird – die spirituelle Dimension. Wenn wir uns nur mit uns selber beschäftigen, anderen Personen oder Dingen, die außer uns existieren, wenig oder keine Achtung entgegenbringen, verfallen wir unmittelbar in moralisches und spirituelles Fehlverhalten. Wie das jiddische Sprichwort lautet, „ein blindes Pferd führt geradewegs in die Grube.“

Zahllose Gesetze in der Tora beschwören uns die Augen zu öffnen, verantwortlich und mitfühlend hinsichtlich unserer Umwelt zu handeln. Neben anderen ökologischen Vorschriften wurden die Gesetze von bal taschchis (dies bedeutet weder mutwillig zu zerstören, noch Ressourcen unnötig zu verschwenden); das Verbot während Kriegszeiten Früchte tragende Bäume in feindlichem Gebiet zu fällen; die Vorschriften bezüglich des Bedeckens von Exkrementen usw. verkündet. Dabei zeigt die Tora, dass, auch wenn wir uns uneins mit der Natur fühlen, die Welt in Wahrheit ein harmonisches Ganzes ist, in dem jeder Bestandteil einzigartig und wertvoll ist.

Raw Awraham Jizchak Kook (1865-1935), der aschkenasische Oberrabbiner vor der Gründung des Staates Israel und eine der führenden Denker des 20. Jahrhunderts, formulierte diese Idee wie folgt: „Wenn du erstaunt bist, wie es möglich ist zu sprechen, zu hören, zu riechen, zu berühren, zu sehen, zu verstehen und zu fühlen – sag deiner Seele, dass alle lebenden Dinge dir die Fülle deiner Erfahrung geben. Nicht das geringste bisschen ist überflüssig, alles wird benötigt und dient seinem Ziel. 'Du' bist gegenwärtig in allem was unter dir ist, und du bist verbunden mit allem was über dir ist.“1

Eine spirituell eingestellte Person wird erkennen, dass jedes Geschöpf im Wesentlichen mit jedem anderen Geschöpf verbunden ist und dass wir ein gemeinsames Schicksal teilen. Unser grundsätzliches Verhalten sollte von Mitgefühl geprägt sein, nicht von Habgier oder Aggression. Diese Ethik bezieht sich auf alle Stufen der Schöpfung. Wie der bedeutende Kabbalist Rabbi Mosche Cordovero aus Safed ("RaMaK," 1522-1570) beschworen hatte: „Das Mitgefühl eines jeden sollte sich auf alle Geschöpfe ausdehnen und man sollte sie weder verachten noch vernichten; die übernatürliche Weisheit [z.B. G-ttliche Weisheit, welche jegliches Leben entstehen lässt] erstreckt sich über die ganze Schöpfung – die „schweigende“ oder minerale Stufe, Pflanzen, Tiere und Menschen. Dies ist der Grund, warum uns unsere Weisen davor gewarnt haben Essen respektlos zu behandeln. Wie die übernatürliche Weisheit nichts verachtet, seit alles erschaffen wurde – wie es geschrieben steht, 'Sie alle hast Du mit Weisheit gemacht' (Psalmen 104:24) – ein Mensch sollte Mitgefühl zu allen Werken, die der Heilige, gelobt sei Er, erschaffen hat, zeigen.“2

Die Worte des RaMaK's lassen ein Weltbild erkennen, bei dem G-tt im Mittelpunkt steht, im Gegensatz zu anderen Weltbildern, welche den Menschen oder die Natur in den Mittelpunkt stellen. Mit den Worten des Baal Schem Tow (Rabbi Israel ben Eliezer, Gründer des Chassidismus, 1698-1760), wir müssen nach dem Wohlergehen von allen streben, denn wir sind alle Geschöpfe G-ttes, erschaffen Seinen Willen zu erfüllen.

„Halte dich nicht für etwas besseres, anderen gegenüber ...“sagte der Gründer des Chassidismus. „In Wahrheit bist du nicht anders als jedes andere Geschöpf, da alle Dinge erschaffen wurden um G-tt zu dienen. Genau wie G-tt dir das Bewusstsein verleiht hat, so verleiht Er auch deinem Mitmenschen dessen Bewusstsein. In welchem Weg ist ein menschliches Wesen einem Wurm überlegen? Ein Wurm dient seinem Schöpfer mit all seiner Intelligenz und seinen Fähigkeiten; der Mensch ebenfalls, der mit dem Wurm verglichen wird, wie es geschrieben steht, 'Ich bin ein Wurm und kein Mensch' (Psalm 22:7).

Wenn G-tt dir keinen menschlichen Verstand gegeben hätte, würdest du Ihm nur dienen können wie ein Wurm. In diesem Sinne seid ihr beide, in den Augen des Himmels, gleich. Ein Mensch sollte sich selbst, den Wurm und alle Geschöpfe im Universum als Freunde betrachten, denn wir sind alle erschaffene Geschöpfe, deren Fähigkeiten durch G-tt gegeben wurden.“3

Diese Verwandschaft aller Geschöpfe und die geteilte Mission G-tt zu dienen, jedes Geschöpf in seinem eigenen Weg, wird oftmals mit einem gewaltigen Lied verglichen. Wie wir während der Schabbat-Gebete sagen, „Die Seele alles Lebenden soll Deinen Namen preisen ... Alle Herzen sollen sich dir zuwenden.“ Tatsächlich ist es so, dass, wenn der Talmud die Mysterien des Ma'aseh Merkawa (z.B. die mystischen Erfahrungen) beschreibt, sich diese prophetische Weisheit mit dem Lied verbindet. Die Weisen erzählen, wie Rabbi Elazar ben Arach seine Bereitschaft zum Studium der Mysterien seinem Lehrer gegenüber zeigte, Rabbi Jochanan – an welchem Punkt waren die Bäume des Feldes umschlossen von himmlischen Feuer begannen zu singen und wiederholten die Verse des Psalm 148: „Lobet G-tt von der Erde, Meeresungeheuer und alle Tiefen ... Berge und alle Hügel, Fruchtbäume und alle Zedern.“ ... Lobet G-tt!“4

Wenn wir ganz genau hören, so kann dieses Lied noch gehört werden. Rabbi Arie Lewin (der „Zaddik von Jerusalem“, 1885-1969) erzählte, wie er einmal mit seinem Mentor, Raw Awraham Jizchak Kook, in den Feldern ging. Auf ihrem Weg sprachen sie über Tora, als Rabbi Lewin eine Blume pflückte. Daraufhin bemerkte Raw Kook, „Zeitlebens habe ich mich darum bemüht nie einen Grashalm oder eine Blume grundlos zu pflücken, wenn es die Möglichkeit zum Wachstum oder zur Blüte gab. Du kennst die Lehren unserer Weise, dass nicht ein einziger Granshalm auf Erden wächst, der nicht einen Engel über ihm hat, der ihm zu wachsen gebietet. Jeder Spross und jedes Blatt sagt etwas bedeutungsvolles, jeder Stein flüstert in der Stille einige verborgene Botschaften – jedes Geschöpf singt sein Lied.“5

„Die Worte unser großen Meister,“ schloss Rabbi Lewin, „gesprochen von einem reinen und heiligen Herzen, prägten sich tief in mein Herz. Von diesem Tag an, begann ich ein starkes Mitgefühl zu allen, mich umgebenden Dingen zu haben.“

So mag es allen gehen, die diese Geschichte hören und über ihre anhaltende Wahrheit nachdenken.

Fußnoten
1.
Orot ha-Kodesch, S. 361
2.
Tomer Deworah, Kap. 2
3.
Zawa'at ha Rivasch, 12
4.
Talmud, Chagiga 14a
5.
basierend auf Simcha Raz, Ein Zaddik in unserer Zeit, S. 108-109
von David Sears
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