Here's a great tip:
Enter your email address and we'll send you our weekly magazine by email with fresh, exciting and thoughtful content that will enrich your inbox and your life, week after week. And it's free.
Oh, and don't forget to like our facebook page too!
Kontakt

Waren Juden jemals orthodox?

Waren Juden jemals orthodox?

 E-Mail

Frage?

Ich bin in der Klemme. Ich mag den Schabbat. Ich habe die Tora gern – vor allem diese kabbalistischen Sachen und die chassidischen Geschichten. Ich fühle mich dem Jüdischen Volk stark verbunden, ich würde gerne viele dieser Dinge machen.

Also, fragen Sie, wo liegt mein Problem. Tu es einfach, nicht wahr?

Aber ich kann nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, orthodox zu sein. Ich meine, sehen Sie mich an. Sehen Sie sich an, wie ich aufgewachsen bin, woher ich komme, wo ich jetzt bin. Können Sie sich einen Nicht-Konformisten wie mich vorstellen, der sich an die Vorschriften eines strikt koscheren, orthodoxen Juden hält?

Gezeichnet, Unorthodox

Antwort!

Lieber Unorthodox,

Endlich, ein Mensch meiner Überzeugung! Unorthodox, jaaa! Die aussagekräftigste Bezeichnung, die es für wahres Judentum gibt! Die Überzeugung, dass nichts so ist, wie es aussieht, dass sich alles in der Welt ändern sollte, dass wir anders sind oder sein sollten. Das ist der Kern der jüdischen Existenz – die aufsässigen, widerspenstigen, aufrührerischen, revolutionären Ruhestörer der Geschichte. – Und was könnte unorthodoxer sein als das?

Begann nicht das Judentum mit dem Inbegriff des Ikonoklasmus? Stell Dir Avraham vor, der die Götzen im Haus seines Vaters zertrümmert, allen sozialen Normen und König Nimrod die Stirn bietet. Stell Dir Moses vor, wie er Pharao trotzt, oder Rabbi Akiva und die Weisen, die sich dem übermächtige Römischen Reich stellten. Ist das etwas, was Du als ›orthodoxes‹ Verhalten bezeichnen würdest?

Jüdisch zu sein bedeutet zu rebellieren. Sich zu weigern, am Schabbat zum Telefon zu gehen ist eine Rebellion gegen die Technokratie. Koscher zu halten ist eine Rebellion gegen den Konsumwahn. Frühmorgens aufzustehen, um sich in ein großes, weißes Wolltuch zu hüllen, Lederriemen um den Arm zu binden, mystische Rezitationen zu sprechen und aus einer uralten Pergamentrolle zu lesen – ist eine offene Rebellion gegen alles, was im modernen Leben als normal bezeichnet wird.

Kennst Du die Geschichte über den Rabbiner, der auf der Straße Ausschau hält nach einem Zehnten für seinen Minjan? Schließlich findet er einen Juden. Aber der versucht sich aus der Affäre zu ziehen, indem er ihm erklärt: »Ich will nichts mit organisierter Religion zu tun haben.«

»Wenn das organisierte Religion wäre!«, ruft der Rabbi »Warum in aller Welt stehe ich dann hier auf der Straße und belästige Passanten?«

Waren Juden jemals orthodox? Hat es jemals eine Zeit gegeben, als unsere Ansichten und Verhaltensweisen als normal galten? Pharao dachte, wir sind verrückt, weil wir Arbeiterrechte forderten. Die Römer dachten, wir sind abnormal, weil wir ungesunde Babys nicht entsorgen wollten. Die Kirche dachte, wir sind pervers, weil wir uns nicht dem Glauben der Mehrheit unterwerfen wollten. Die Rationalisten behaupteten, wir seien nicht ganz dicht wegen unseres Mystizismus. Die Romantiker hielten uns für beschränkt aufgrund unseres Rationalismus. Die Vereinten Nationen beschlossen, dass die Juden seltsam sind, weil wir darauf bestehen, zu existieren. In der Zwischenzeit haben sich all dies Leute daran gemacht, unsere Anschauungen zu übernehmen – und dennoch bleiben wir eine Abnormität unter den Völkern. Um mit den Worten des Lubawitscher Rebben zu sprechen, kann das Judentum nie altmodisch sein, denn es entsprach von Anfang an keiner Mode.

Also, wessen Einfall ist dieser absurde Begriff ›orthodoxes Judentum‹? Ich will es Dir sagen: Vor 200 Jahren, als der große Napoleon beschloss, dass er der wahre Messias sei und die Juden befreit werden müssten, beauftragte er einige jüdische Persönlichkeiten mit der Bildung eines Sanhedrin aus Rabbinern und Gelehrten, genauso wie es einmal in alten Zeiten war. Solcherart geehrt, machten sich diese Leute daran, ihre Freunde zum Mitmachen zu überreden. Ich meine, Napoleon war schließlich die Welle der Zukunft. Das war Fortschritt, echt progressiv.

Aber einige Rabbiner waren der Meinung, dass das gar nicht solch ein Fortschritt war. Napoleon, ein Messias? Paris das neue Jerusalem? Also lehnten sie ab. Und für diese Weigerung, zu verstehen, wie rückständig und engstirnig sie waren, wurden sie gebrandmarkt als »ihr ... ihr ... ihr ORTHODOXEN RABBINER!«

»Orthodox? Nun gut«, sagten die. »Aber dieser kleingewachsene Herr mit seiner Hand im Hemd ist nicht der Messias!«

Es ist so ähnlich wie mit den Hippies, als sie begannen, sich ›Freaks‹ zu nennen. Irgendeinem Schrebergartenbesitzer in Woodstock missfielen diese netten amerikanischen Jugendlichen und er spie diesen Beinamen in die Fernsehkameras. Und sie sagten, warum sollten wir dagegen ankämpfen? Und sie nannten sich ›Freaks‹.

Im heutigen Jargon beschreibt man als ›Orthodox‹ diejenigen, die nicht die Tora abändern, damit sie besser hineinpasst in das, was alle anderen machen. In diesem Sinn zähle ich mich absolut zur ›Orthodoxie‹. Aber ich fühle mich sicher nicht orthodox. Sollte ich?

»Etiketten sind für Hemden.«Das ist eine andere Sache, die der Lubawitscher Rebbe sagte: »Etiketten sind für Hemden.« Okay, es gibt auch noch andere Dinge, die unbedingt Etiketten brauchen: ›Reform-Tempel‹ etwa, ›Konservatives G-tteshaus‹, oder ›Orthodoxe Synagoge‹. Aber die Juden, die man dort findet, haben alle nur ein Etikett: Jude. ›Jude‹ ist keine Verhaltens-Bezeichnung. Es ist ein essentieller Zustand des Seins.

Wenn Dich also jemand bittet, die wichtigsten Gruppen im heutigen Judentum zu beschreiben, antworte wie folgt:

Es gibt drei Arten von Juden:
Juden, die Mizwot erfüllen.
Juden, die mehr Mizwot erfüllen.
Juden, die noch mehr Mizwot erfüllen.

Bezüglich Deiner Frage mit dem Joch, das zu tun und jenes zu unterlassen ... in Wirklichkeit läuft das ganz anders ab. Für Einsteiger sei erklärt: Das gesamte System ist schon in der jüdischen DNA gespeichert, das ist der natürliche Zustand des Juden. Nehmen wir diese Beschwörungen am Morgen als Beispiel: Das ist die Gelegenheit, sich bei Ihm über alles in der Welt aufzuregen, zu kritisieren, Verbesserungen vorzuschlagen. Wenn man das nicht ordentlich macht, raunzt man am Ende den ganzen Tag über. Deshalb wurden Zeiten festgelegt, zu denen man das alles aus dem System schafft, um den Rest des Tages konstruktiv Dinge erledigen zu können.

Dasselbe mit Schabbat, Koscher, Mikwe – all die Techniken und Bräuche, die Juden seit 3.300 Jahren ausführen. Du musst nur die jüdische Seele in Dir mit ein bisschen tiefendimensionaler Tora und ein paar süßen chassidischen Melodien zum Leben erwecken und sie wird das ihre tun. Spontan. Mit Freude.

Nenn’ es ›müheloses Judentum‹. Noch besser, benenne es überhaupt nicht. Außer, vielleicht, sehr unorthodox.

von Tzvi Freeman
Tzvi Freeman ist der Autor von Bringing Heaven Down to Earth und Be Within, Stay Above, zwei Bände mit Meditationen, sowie zahlreicher Artikel über jüdische Mystik und Philosophie. In 1975 gab Freeman seine Karriere als Musiker (klassische Gitarre) auf um Talmud und jüdische Mystik zu studieren. Während seinem Studium gründete er die erste chassidische Rockband. Er ist auch der Gründer von Adam v’Adamah – einer jüdischen Umweltgruppe.
© Copyright, alle Rechte vorbehalten. Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, empfehlen Sie ihn weiter, vorausgesetzt Sie halten sich an unsere Urheberrechtsrichtlinien.
 E-Mail
Diskutieren Sie mit
Sortiert nach:
6 Kommentare
1000 verbliebene Zeichen
Achim levi Dimona, State of Israel 6. November 2013

allg schmunzel der Begriff orthodox bedeutet nichts anderes als "fromm". Man darf annehmen das wer Glauben auslebt dies auch "fromm" macht. Vermutlich aber schaute man bei der Fragestellung viel zu sehr auf Gruppen und Leute die man bei uns Ultra Orthodox usw. bezeichnet und meist eher die absurdesten Sachen tun die fern ab jedes Judentums sind. Ultra "daneben" wäre für so Leute vll. die besssere Bezeichnung denn "wahre" (ultra orthodoxe Juden sind echt fromme Männer und Frauen die da Judentum ausleben und lieben. Reply

freily Landshut, Bayern via chabadgermany.com 14. Januar 2013

Lebeniges Leben Ja, so verstehe ich die Torah in all ihren Schattierungen.
Ihr Artikel zeigte mir, daß ich den Weg richtig verstanden habe und die Essenz davon ist: Gut zu sein und Gutes tuend bleiben!

Baruch we Schalom. Reply

Anonymous 26. Mai 2011

Danke Wie wunderschön!
Vielen herzlichen Dank: Wie genial, leicht, wundervoll und stimmig dieser Artikel ist. Reply

Silvia Grohmann Enger, Germany 16. November 2008

Lebendiger Glaube Vielen Dank für Ihren wunderschönen ,heiteren Artikel. Sie beschrieben in vortrefflichen Worten was ich denke,fühle und für mich (manchmal sehr verhalten; dh. nach Außen nicht Sichtbar) lebe. Ja, orthodoxe Juden halten und hielten unsere Tradition am Leben. Wunderbar! Da bin ich doch gerne orthodox-:))))
Liebe Grüße, und Shalom ihre.... Reply

dr. gabriel pataky freising, brd via chabadgermany.com 30. März 2008

lebendiger glaube schon lange nicht mehr so unterhaltsam über die wurzeln des judentums informiert. dem autor gebührt nicht nur das prädikat "unterhaltsam" sondern darüber hinaus sehr lehrreich und lebensnahe. die meisten vertreter des judentums erscheinen im vergleich zu diesem autor als überholt und fad...
alle achtung! Reply

Angelika Würzburg 26. März 2008

Lebendiger Glaube Selten habe ich einen Artikel gelesen, in dem ein Autor seinen Glauben so lebendig vermittelt hat. Diese Begeisterung ist ansteckend. Ich nehme diesen Text in meine Gedanken und überlege, welche Ideen auch mein Leben als Christin bereichern. Ich lerne gern von einem älteren Bruder, besonders, wenn er so viel Freude zeigt. Vielen Dank, und ich freue mich schon auf weitere Artikel dieses Autors. Reply