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Ein aufrichtiges Gebet

Ein aufrichtiges Gebet

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Im ersten Jahr nach der Perestroika leitete einer meiner Freunde am Abend von Jom Kippur den Kol-Nidre-G–ttesdienst in der Hauptsynagoge von Kiew.

In der ganzen Stadt hatten Plakate auf den G–ttesdienst hingewiesen, und die Juden waren begeistert. Alte Männer, die sich noch daran erinnerten, wie sie als Kinder mit ihren Eltern in die Synagoge gegangen waren, junge Familien, die nach einem halben Jahrhundert sowjetischer Verfolgung ihr Erbe wieder schmecken wollten, und Jugendliche, die kaum wussten, dass sie Juden waren, strömten herbei.

Der Chasan rezitierte Kol Nidre. Die ergreifende Melodie rührte das Herz aller Anwesenden. Doch als der G–ttesdienst weiterging, spürte mein Freund, wie Enttäuschung aufkam. Immerhin waren die meisten Leute noch nie in einer Synagoge gewesen; niemand wusste, wie man mit dem Chasan betet. Trotz bester Absichten, trotz der hebräisch-russischen Gebetbücher und der russischen Erläuterungen merkte er, dass die Leute sich langweilten und sich allmählich fragten: „Sind dies die Gebete, nach denen wir uns so viele Jahre gesehnt haben?“

Mitten im G–ttesdienst, nach dem Amida-Gebet, stieg mein Freund zum Pult hinab und begann eine klassische chassidische Geschichte zu erzählen:

Der Baal Schem Tow betete mit seinen Schülern in einem kleinen polnischen Dorf. In einer spirituellen Vision hatte er gesehen, dass der Himmel beschlossen hatte, die Juden streng zu bestrafen. Nun beteten er und seine Schüler voller Inbrunst zu G–tt und baten ihn, das Dekret zurückzunehmen und den Juden ein gesegnetes Jahr zu gewähren. Ihre tiefen Gefühle ergriffen alle Bewohner des Dorfes, und jeder Einzelne öffnete sein Herz und betete innig.

Unter den Dörflern war auch ein einfacher Hirtenjunge. Er konnte nicht lesen und nur mit Mühe das Alef-Bejt, das hebräische Alphabet, aufsagen. Als die Emotionen in der Synagoge ihren Höhepunkt erreichten, wollte er ebenfalls beten – aber wie? Er konnte weder die Worte im Gebetbuch lesen noch die Gebete der anderen imitieren. Also öffnete er das Buch auf der ersten Seite und sprach die Buchstaben Alef, Bejt, Wet – das ganze Alphabet. Dann rief er zu G–tt: „Das ist alles, was ich kann. G–tt, du weißt, wie die Gebete sich anhören müssen. Bitte, ordne die Buchstaben richtig an.“

Dieses schlichte, aufrichtige Gebet hallte durch den ganzen himmlischen Gerichtshof. G–tt hob alle harten Dekrete auf und gewährte den Juden Segen und Glück.

Mein Freund hielt einen Augenblick inne, um die Geschichte einwirken zu lassen. Plötzlich rief eine Stimme: „Alef.“ Und Tausende von Stimmen schrieen: „Alef!“ Die Stimme fuhr fort: „Bejt.“ Und Tausende antworteten: „Bejt!“ So sprachen sie jeden Buchstaben des hebräischen Alphabets, und dann verließen sie die Synagoge. Sie hatten ihr Gebet gesprochen.

Über den Künstler: David Brook lebt in Sydney Australien und malt und verkauft seine Kunst seit seiner High School Zeit. Zur Zeit beschäftigt er sich mit der Malerei und Webdesign.
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2 Kommentare
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Anonym 24. April 2013

eine wahre Geschichte Letzten Herbst war ich in Jerusalem im Holocaust Museum, welches in der
Jerusalemer Altstadt in der Nähe des König David Grabes liegt. Es ist nicht
so professionell aufgebaut wie Yad Vashem, jedoch ebenso unglaublich traurig. Dort prägte mich am meisten das Gebetsbuch eines Kindes, welches nur das
Aleph-Beth umfasste. Damit ist die oben erwähnte Geschichte aus Kiew mit dem Hirtenjunge auf tragische weise wahr.
Reply

Barah Grossinger Baden bei Wien, Österreich 16. September 2010

"Ein aufrichtiges Gebet" Ich habe eine Gänsehaut bekommen... Wäre nur bei uns - in Baden - auch jemand, der diese Geschichte erzählt und v.a. wären hier viele, die mit dem Alef-Bejt antworten und beten!

Gmar chasima tova Reply