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Warum es frustrierend ist, ein Hirn zu haben

Warum es frustrierend ist, ein Hirn zu haben

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Ein Gehirn zu haben bedeutet nicht nur, dass man weiß, wie Dinge sind – man versteht auch, wie Dinge sein sollten. Und das heißt, dass man ständig darauf aufmerksam gemacht wird, dass Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten.

Menschen (die meisten von ihnen haben ein Hirn) gehen mit dieser Frustration auf verschiedene Arten um. Manche werden „Akademiker“, das heißt, sie konzentrieren sich darauf, wie Dinge sein sollten, und täuschen vor, dass das auch die Art wäre, wie sie sind. Diejenigen, die aus irgendwelchen Gründen (meistens berufsbedingt) dazu genötigt sind, mit den Dingen so wie sie sind umzugehen, versuchen, nicht darüber nachzudenken, wie es sein sollte. Da keiner der beiden Zugänge hundertprozentig durchgehend realisiert werden kann, erleben Menschen ein höheres Stress-Niveau als zum Beispiel Kühe.

Das hat dazu geführt, dass Menschen einerseits allerlei Arten von Balsam und Heilmittel gegen Stress erfinden, und andererseits allerlei Mittel, das Gehirn abzuschalten (oder zumindest zu beruhigen). Das ist schade, denn es ist großartig, ein Hirn zu haben, und es ist auch gesund, etwas Stress zu erleben.

(Gewiss gibt es Arten von Stress, die recht krankmachend und destruktiv wirken, doch wir sprechen hier von der gesunden, produktiven Sorte, die unverzichtbarer Teil dessen ist, was menschliches Dasein ausmacht.)


Die Tora ist sehr präzise im Umgang mit Wörtern. Gesetze, deren Details im Talmud viele Seiten beanspruchen, sind in der Tora in einem Satz, ja eventuell in einem Wort, oder in einem Buchstaben ausgedrückt. Das verwundert nicht: Die „Schriftliche Tora“ (wie wir die fünf Bücher Moses nennen), enthält weniger als 80.000 Wörter (in etwa die Größe eines wohldosierten Romans), in denen die gesamte G-ttliche Kommunikation mit der Menschheit verpackt ist.

Doch als es zum Bau des Heiligtums durch das Volk Israel in der Wüste Sinai kommt, tut die Tora etwas sehr außergewöhnliches: Sie elaboriert ausführlich. Und wird noch ausführlicher. Zunächst bekommen wir eine Beschreibung jeder einzelnen Komponente des Heiligtums wie sie in G-ttes Anweisung an Mosche ausgesprochen wird. Und dann bekommen wir all die Details ein zweites Mal, anläßlich der tatsächlichen Errichtung des Heiligtums. Das allererstaunlichste daran ist, dass diese beiden Beschreibungen geradezu identisch sind! Der einzige Unterschied ist, dass in der ersten Erwähnung die Beschreibung jedes Teils mit den Worten „Und sie sollen machen....“ beginnt, während es beim zweiten Mal heißt: „Und sie machten...“

Das Heiligtum ist der Prototyp für „G-ttes Anwesenheit in der physischen Welt“, deren Errichtung unsere Lebensaufgabe ist. Darum sind die Details so wichtig. Aber warum müssen sie zweimal erwähnt werden? Könnte die Tora nicht einfach sagen: „Und die Kinder Israel bauten es genau so, wie G-tt befohlen hatte“?

Doch die Tora will betonen, dass es immer zwei Versionen von G-ttes Heim auf Erden geben wird: Die ideale Form, wie G-tt sie Mosche zu sehen gab und beschrieb, und die reale Form, wie es tatsächlich gebaut ist in unserem physischen Leben und durch unser Wirken.

Meint dies, dass G-tt Zugeständnisse macht? Dass man mit der von ihm gegeben Vision Kompromisse machen kann, zugeschnitten darauf, wie die Dinge hier herunten sind? Doch die beiden Versionen sind in der Beschreibung der Tora exakt gleich! Anders ausgedrückt heißt das, wir haben die Kraft – und es wird von uns erwartet – das G-ttliche Ideal in seiner Gesamtheit neu zu erschaffen, bis hin zum letzten Nagel, Haken und Stützpfosten, innerhalb der materiellen Welt. Neu zu erschaffen – nicht zu duplizieren. G-tt will nicht, dass wir physische Materie in substanzloses Geistiges verwandeln; Er will, dass wir die physische Welt geeignet für seine Gegenwart machen.

Mensch sein heißt, nie vom Bemühen abzulassen, das Ideale in das Reale zu übersetzen. Nicht etwa, dass wir die Kluft zwischen Materie und Geist eliminieren könnten. Wir können Besseres: Wir können aus unserem Leben eine physischen Version der G-ttlichen Vision machen. Menschliches Leben ist ein Versuch, das Unmögliche zu erreichen – ein Versuch, der scheitert, und in seinem Scheitern etwas noch Größeres hervorbringt.

Wenn du diese Art von Stress empfindest, so tust du etwas Richtiges.

von Yanki Tauber
Yanki Tauber ist Chefredakteur von Chabad.org und ein erfolgreicher Autor.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des omek Magazine Chabad/Zurich
Über den Künstler: Sarah Kranz hat Magazine, Webseiten und Bücher (inklusive 5 Kinderbücher) illustriert, seitdem sie 1996 ihren Abschluss beim Istituto Europeo di Design, Milan, erlangte. Zu ihren Kunden zählen The New York Times und das Money Marketing Magazine of London.
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