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Kabbala des Stolzes

Kabbala des Stolzes

Die Gesetze der Roten Färse belehren uns über die mystische Dimension des Stolzes

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Dies ist die Satzung der Tora, wie sie uns Ewige gab: Sprich zu den Kindern Israels, sie sollen Dir eine rote Färse (junge Kuh) bringen, einwandfrei, ohne Makel, die noch nie ein Joch getragen hat. (Num. 19:2)

Alle Tora-Gebote haben ewige Gültigkeit. Selbst wenn ihre Ausführung nur zu einer gewissen Zeit möglich ist, bleibt ihr Bestehen in unseren Gedanken immerwährend, - denn die Tora ist unzertrennlicher Teil von G-tt und daher ebenfalls ewig. Die Schüler des Baal Schem Tovs sagten, dass die gesamte Tora im Geist und im Intellekt zu jeder Zeit anwendbar sein muss. Von jeder Mizwa muss ihre spirituelle Funktion, d.h. ihre esoterische Bedeutung, die auch bei Nichterfüllbarkeit der Mizwa ihre Gültigkeit hat, ableitbar sein. Die Schüler fragten den Baal Schem Tov, wie diese Regel wohl auf die Mizwa der Roten Färse angewendet werden soll, die sogar in den Zeiten des Tempels nur sehr selten in die Praxis umgesetzt werden konnte. Worin besteht außerdem die Bedeutung ihrer Fähigkeit, Unreine rein und Reine unrein zu machen?

Der Baal Schem Tov antwortete, dass vom Stolz, einer überheblichen Auffassung des menschlichen "Selbst" die Rede ist. Weil er falsch gehandelt und sich somit von G-tt entfernt hat, hängt der Anfang seiner Rückkehr eigentlich von eher eigennützigen Motiven ab und nicht so sehr von selbstlosen Absichten, wie z.B. um sich wieder in die Gesellschaft zu trauen oder um seinen Anteil an der künftigen Welt nicht zu verlieren. Denn dies ist ebenfalls eine gewisse Form von Überheblichkeit, wenn das Endziel in einer erhofften Belohnung von G-tt besteht. Der Mensch bildet sich ein, etwas für G-tt getan zu haben. In Wirklichkeit aber würde ohne G-ttes Einfluss der Mensch nicht einmal existieren! Wie können wir überhaupt an eine Belohnung denken?

Wir sprechen nicht von einem Menschen, der fühlt, wie sehr sich seine Seele nach G-ttes Nähe sehnt und mit der größten Motivation jetzt alles daran setzt, seinen Fehler wieder gut zu machen, sondern hier ist von einem viel früheren Stadium die Rede. Es geht hier um einen Menschen, der a priori geplant hätte, mit seinen Missetaten weiterzufahren, wenn ihn nicht eigennützige Motive davon abhalten würden. Für ihn ist es, wenigstens am Beginn seiner Rückkehr auf die richtige Bahn, fast unmöglich, diesen Umweg zu vermeiden und daher sollten wir nicht davon beeindruckt sein, wenn unsere Absichten nicht ganz selbstlos sind. Denn ließen wir uns von dieser Tatsache abhalten, würden wir immer nur in der "Randzone" bleiben, - und das hieße festsitzend in einer oberflächlichen Beziehung zum Leben und fern von G-tt, - G-tt behüte! Daher ist es erlaubt, von Stolz, Prahlerei und eigennützigem Handeln Gebrauch zu machen, denn die Tora hat die Kraft, diese selbstsüchtigen Absichten in reine Selbstlosigkeit umzuwandeln1.

Ist aber der Mensch dazu im Stande, dem Ewigen mit den angemessenen, selbstlosen Motiven zu dienen, dann ist kein Platz mehr da für jegliche Spur von Stolz oder Egoismus. Das "Ego" hilft dem Menschen, auf ein gewisses spirituelles Niveau zu gelangen. Doch sobald der Mensch diese Ebene erreicht hat, wird es seiner Spiritualität nur schaden. Denn das Ego reinigt die Unreinen, die fern von G-tt sind, aber es verunreinigt auch die Reinen, die bereits eine gewisse Nähe erreicht haben. Wenn diese nämlich vom Stolz befallen werden, kann Er mit ihnen nicht im gleichen Abteil verweilen (Babylonischer Talmud Sota 5a).

Der Stolz ist zwar eine lebenswichtige Eigenschaft, von der ein Tora-Gelehrter ein Achtel von einem Achtel braucht. Das Problem beginnt mit jener "Überdosis": Wie die meisten Eigenschaften des Menschen, so kann auch der Stolz nicht einfach aus dem Leben verbannt werden, wie z.B. Alkohol. Daher müssen selbst Zaddikim, die sich von schlechten Charakterzügen befreit haben, darum ringen, auf dem richtigen Weg, der sie G-tt näher bringt, zu bleiben. Beides verlangt viel Demut, aber auch eine gewisse zur Demut gehörige Portion Stolz. Denn bevor der Mensch sich G-tt zu nähern versucht, wie z.B. durch das Ausführen einer wichtigen Mizwa, durch das Studieren der Tora, durch Beten, bleibt er weit von G-tt entfernt. Verglichen mit der Nähe zu G-tt ist der Mensch trotz jener Taten immer noch unrein. So ist es für ihn unmöglich, sich G-tt ohne eigennützige Motive zu nähern.

Dieselbe Abstufung, die wir in den Ebenen der Heiligkeit gesehen haben, gibt es auch auf der Seite des Bösen, G-tt behüte! Die niedrigere Stufe dieser „anderen Seite“ wird erreicht, wenn die "Schlechte Neigung" uns zuflüstert, dass wir eine so wichtige Mizwa oder einen so bedeutungsvollen Akt des G-ttesdienstes auszuführen, nicht würdig sind. Aber gerade in diesem Moment sollte der Mensch stolz sein, dass er G-ttes Wege befolgt (Chroniken II 17:6). Unsere Weisen sagen: "Warum wurde Adam allein erschaffen? Damit jeder Mensch sagen kann, die Welt hängt nur von mir ab" (Sanhedrin 37a). Fehlt dem Menschen diese Einstellung, wird ihn sofort die "Schlechte Neigung" davon überzeugen, dass er - sich G-tt durch seine Taten zu nähern - nicht gut genug ist. Der Mensch braucht zum Leben nach seinem Willen deshalb eine gewisse Portion Stolz: Auch das gehört zur wahren Demut! Doch die "Schlechte Neigung" wird ihn von der Unangebrachtheit auch des kleinsten Stolzes zu überzeugen versuchen, und es für eine Mizwa halten, sich wie eine Null zu fühlen. Wer sich nämlich für nichtswürdig hält, ist leichter zu beeinflussen, - und das kommt der "Schlechten Neigung" sehr entgegen.

Auf diese Weise reinigt ihn sein Stolz und ermöglicht es dem Menschen, durch das Studieren der Tora, das Beten und das Ausführen Seiner Gebote G-ttes Nähe zu erreichen. Sobald sich aber der Mensch mit der Mizwa beschäftigt, ist der Stolz bereits wieder unangebracht. Bei Ausführung seiner Mizwa muss sich der Mensch wieder mit aller Kraft gegen die "Schlechte Neigung" wehren, die diesmal den Menschen von seinem Besser- bzw. Tugendhafter-Sein zu überzeugen versucht, weil die Anderen nicht die gleiche Tat wie er vollbracht haben. So stellt sich heraus, dass der zur Mizwa-Ausführung erforderliche Stolz den Menschen verunreinigt, sobald er jene Tat vollbracht hat und rein geworden ist, G-tt behüte.

Der Stolz wird mit einer Färse verglichen, denn er "bläst" die Meinung des Menschen über sich auf2. Er wird auch durch die Farbe Rot dargestellt, die mehr auf die negativen Kräfte, die mit den Klipot in Verbindung gebracht werden, hindeutet3. Daher sollen wir die Rote Färse zusammen mit Zedernholz, Ysop und Purpur verbrennen, wie im Midrasch steht: "Wer Stolz ist wie eine Zeder, soll sich beugen wie ein Ysop." (Midrasch Tanchuma, Mezora 3). Maimonides legt fest, dass die Rute des Zedernholzes eine Handbreit lang ist (Gesetze der Leprakranken 11:1), d.h. das überhebliche Selbstgefühl muss genau gemessen werden und darf die Handbreit nicht überragen. Nach Ausführung der Mizwa muss der Mensch sich wieder beugen wie ein Ysop.

Daher wird der Stolz mit der Roten Färse, durch die Unreine gereinigt und Reine verunreinigt werden, verglichen.

Der Wochenabschnitt der Roten Färse wird mit den Worten eingeleitet: Dies ist die Satzung der Tora. Das hebräische Wort, das hier mit "Satzung" übersetzt wurde, lautet Chukat, was traditionell auf ein Gesetz hindeutet, dessen Bedeutung wir nicht verstehen. Eigentlich gilt für die Gesetze, dass wir nicht alle, und womöglich wohl nicht einmal die grundliegendsten Motive, die G-tt dazu "bewegten", uns eine bestimmte Mizwa zu geben, kennen. Daher können wir eigentlich die gesamte Tora "Chukat" nennen, und die Idee betrifft somit alle Gebote: Der Ewige schätzt unsere Taten, - und die Ausführung Seiner Gebote ist sehr bedeutungsvoll. Doch sollten wir auch nie vergessen, dass die Haupteigenschaft einer Mizwa darin besteht, dass sie uns von G-tt gegeben wurde. Trotzdem bleibt die wichtigste Tat, die ein Mensch vollbringen kann, in der Ausführung der Befehle des Ewigen, was unser "Ego" wieder in die angebrachten Proportionen zurückbringt.

(Aus Keter Schem Tov, 2. Teil, S. 18a, entnommen aus Sefer Baal Schem Tov, Paraschat Chukat)

Fußnoten
1.
Pesachim 50b: Der Talmud spricht von der Person, die Tora studiert, um später mit dem Titel "Rabbi" geehrt zu werden. Obwohl seine Motivation eigennützig ist, wird der Akt des Tora-Lernens ihn reinigen und ihn auf ein Niveau der Selbstlosigkeit bringen.
2.
Das hebräische Wort für Färse ist Para, dessen Wurzel mit dem Wort Priah verwandt ist, was fruchtbar zu sein, bedeutet und in diesem Kontext mit der Vergrößerung einer Sache durch "Aufblasen" (mit Stolz) in Verbindung gebracht wird.
3.
Die Farbe Rot wird wegen ihrer unmittelbaren Nähe zur physischen Welt, die den Menschen u.a. von der Spiritualität ablenken soll, in Verbindung gebracht. So steht die Farbe Rot für eher negative Kräfte, die den Menschen vom richtigen Weg abbringen.
Aus den Lehren Rabbi Israel Baal Schem Tov
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