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Kabbalistische Frisuren

Kabbalistische Frisuren

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Ein Enthaltsamer (Nasiräer) sind Menschen, die für eine bestimmte Zeitspanne von mindestens 30 Tagen bzw. für ihr ganzes Leben spirituell sehr erhaben leben, indem sie sich besonders der Meditation, dem Beten, der Űberschreitung ihrer Bewusstseinsgrenzen und der Ausführung von G-ttes Geboten widmen (Num. 6:1-21).

Die Tora legt dem Enthaltsamen drei Einschränkungen auf, die nach Jüdischem Gesetz bis heute ihre Gültigkeit haben. Wer gegenwärtig diese spezielle Enthaltsamkeit auf sich nehmen will, muss bis zur Wiedererrichtung des Tempels warten, um damit aufzuhören (siehe Rambam, Hilchot Nesirut und Sefer HaChinuch, Mizwot 368-377):
(a) Ein Nasiräer darf weder Wein noch sonst ein aus Trauben oder Traubenkernen gewonnenes Produkt trinken.
(b) Die Haare des Nasiräers dürfen nicht geschnitten werden.
(c) Der Nasiräer darf sich nicht an Toten verunreinigen.

Wir treffen gegenwärtig zwar kaum noch einen Nasiräer an1, doch kennen wir alle das lebendige Beispiel eines Nasiräers aus unserer eigenen Kindheit. Kinder werden unwillkürlich als Nasiräer erzogen.

Die Eltern geben ihrem Kind keinen Wein zu trinken, und gehen mit ihm auch nicht auf dem Friedhof spazieren. Bezüglich des Haareschneidens gibt es im Judentum eine langjährige Tradition, nach der die Haare des Sohnes die ersten drei Lebensjahre mit Ausnahme von Waschen und Kämmen unberührt bleiben. Erst an seinem dritten Geburtstag werden einem jüdischen Jungen die Haare geschnitten.

Der Brauch, den ersten "Jungenhaarschnitt" an seinem dritten Geburtstag zu durchzuführen, wird "Abscheren" (Chalake) genannt und in den meisten praktizierenden, jüdischen Gemeinden der Welt durchgeführt. Während dieser Zeremonie wird ganz besonderer Wert darauf gelegt, die Haare zwischen den Ohren und dem haarlosen Teil des Gesichtes stehen zu lassen. Das sind die Schläfenlocken (Pejot), die auf das Gebot der Tora zurückzuführen sind, die Haare im Bereich des Treffpunktes zwischen dem Schädel und dem Kieferknochen, seitlich des Ohres, vollständig zu entfernen (Lev. 19:27, vgl. Rambam, Hilchot Awodat Kochawim 12:1, Schulchan Aruch Jore Dea 181:1) Worin besteht die Bedeutung dieses Brauches?2

Nun stellt sich die Frage bezüglich eines Nasiräers: Dass ein Sich-des-Weines-Enthalten und ein Sich-vom-Tod-Distanzieren zu einer höheren Spiritualität führen kann, ist eher nachvollziehbar, als ein Sich-die-Haare-Wachsen lassen. Warum verlangt die Tora vom Enthaltsamen langes, ungeschnittenes Haar, um für ein Leben der Transzendenz beizutragen? Das ist nur aus der mystischen Dimension der Haare erklärbar.

Was ist Haar?

In unserer modernen Sprache ist "Haar" ein "Sammelbegriff für einen dünnen, fadenartigen Auswuchs der Epidermis von Säugetieren, welcher eine charakteristische Körperbedeckung formt." Doch nach den esoterischen Lehren des Judentums besitzt das Haar eine ganz besondere Energie. Der Sohar - eines der ältesten Kabbala-Bücher – sagt, dass jede Haarsträhne ganze Welten beherbergt. Eines der tiefgründigsten Kapitel des Sohars, bekannt unter dem Namen "Idra Rabba", ein Kommentar zum Wochenabschnitt "Nasso", widmet sich fast ausschließlich dem Thema "das Haar und seine Wurzeln in der G-ttlichen Realität". Dem Sohar zufolge lässt sich über das Haar einer Person herausfinden, wer diese Person ist. (Sohar, Paraschat Nasso, Idra Rabba 129a)

Die Kabbala befasst sich mit dem Paradoxen des Haares, das in seinem nicht sichtbaren Teil in einer zwiebelförmigen Versenkung der Epidermis verwurzelt ist, durch dünnste Blutkapillaren ernährt wird, mit dem Nervensystem in Verbindung steht und von dort als Haarfollikel an die Hautoberfläche gelangt. Im sichtbaren Teil des Haares befinden sich weder Blutgefässe noch Nerven und verursacht dem Menschen keinerlei Schmerzen, wenn das Haar vom Körper getrennt wird. (Or HaTora, Paraschat Emor S. 588–593)

Die Kabbala des Haares

Was bedeutet für das Judentum ein Haar?

Die Funktion des Haares gleicht einem Rohr, durch das unerreichbare Energien fließen können. Jede Haarsträhne hat die Form des hebräischen Buchstabens "Waw". Durch jede Haarsträhne strömt eine so große Energiemenge, die nicht anders als durch das Medium der Haare, die diese Energien zusammendrängen und filtern, vermittelt werden kann.

Die Kabbala unterscheidet zwischen "feinem Haar" und "grobem Haar". Das feine die Kopfhaut bedeckende Haar zeigt sich bereits bei der Geburt, dagegen erscheint das grobe Barthaar erst im beginnenden Mannesalter. Jene die "feinen" mit den "groben" verbindenden Haaren sind die Pejot, die sich zwischen Schädel und Kieferknochen befinden und von dort zum Bart führen.

Das auf dem Schädel wachsende sogenannte "feine" Haar, stellt tief verborgene Energien dar, die vom Schädelinneren kommen. Sie werden in der Kabbala als "Sitz des Űberbewusstseins" definiert ist, - als der Ort, an dem sich das Gewand der menschlichen Seele bildet (das "psychologische Make-up" des Menschen). Die tiefgründigsten und ursprünglichsten Mächte unseres Wesens, die sich außerhalb jedes rationalen Begehrens oder rationaler Sehnsüchte der Seele (Razon) noch vor der Entwicklung jeglichen Denkens kundgeben, werden in der Jüdischen Mystik mit dem Schädel - definiert als "Krone des Gehirns" oder einfach Krone (Keter) – in Verbindung gebracht. Keter stellt den erhabensten Teil der Seele dar, wenn sie mit G-tt in Verbindung steht, - in einer Verbindung, die jegliche Vernunft oder Logik übersteigt.

Das Haar des männlichen Bartes hingegen, das "grobe" Haar, stellt die Energie dar, welche von Gedankeneindrücken des Unterbewusstseins stammen, die sich im oberen und im unteren Teil des Gehirns befinden. Dieser Teil der menschlichen Seele wird in der Kabbala "Mocha Stima'a" (der versteckte Intellekt) genannt und steht auf einer unteren Ebene des Keters.

(Das ist der mystische Grund, weshalb der weibliche Körper keinen Bart bildet. Denn die mystische Funktion des Haares besteht darin, in einer beschränkter Art Zugang zu Energien zu verschaffen, die in ihrer Tiefgründigkeit unerreichbar bliebe. Da aber eine Frau in ihrer innersten Gedankenwelt mehr in Einklang steht als ein Mann, hat sie diese Haarröhren gar nicht nötig, um die verborgeneren Ebenen ihres selbst zu erreichen.)

Das Verbinden beider Welten

Gibt es einen Weg, die überbewussten Kräfte der Seele mit der Keter–Dimension zu verknüpfen? Können wir uns je dessen bewusst werden, wer wir in unserem tiefsten Wesen wirklich sind? Auch nachdem die Keter-Energie durch unsere Haarsträhnen gefiltert wurde bleibt die Frage: Wie ist es möglich, ewiges Licht mit vergänglichen Gefäßen aufzufangen?

Die jüdische Antwort darauf sind die Pejot, die beiden länglichen, seitlich der Wangenknochen runterhängenden Haarlocken, - eben jene Verbindung zwischen Kopfhaar und Bart. In der Kabbala symbolisieren diese beiden Haarreihen die zusammengedrängte Vermittlung der überbewussten Keter-Energie zur unterbewussten Gedankenenergie (Mocha Stima'a), so dass die uneingeschränkte und unendliche Macht der Krone der Seele erfasst und im geistigen Rahmen des menschlichen Daseins integriert werden kann. Ohne die beiden die atomare Energie des Keters lenkenden, einschränkenden und umwandelnden Schläfenlocken, erführe niemand davon.

Nur durch das Filtern der Keter-Energie über das Kopfhaar und das Wiederfiltern durch die Pejot können diese tiefgründigen Energien der Seele in den niedrigen Kammern des menschlichen Bewusstseins (Verstand) deutlich werden.

[Das könnte der Grund sein, warum der große Kabbalist Rabbi Jizchak Luria (1534 – 1572) darauf achtete, dass seine Pejot nicht weit unter die Ohren wachsen würden und trug sie nicht über die Seiten seines Bartes, wie es in Jemen, Marokko und bei den meisten Chassidischen Juden Brauch ist. Dieser "Stil" wurde von den Chabad Chassidim und zahlreichen Sefardischen und Aschkenasischen Gemeinden angenommen. Im herkömmlichen Stil lag das Schwergewicht mehr darauf, den Einfluss des Bartes, der die tiefgründigen, gedanklichen Eindrücke darstellt, mit den die Strömung der ursprünglichen Bestrebungen der Seele vertretenden Pejot zu unterdrücken, was durch die langen Pejot zum Ausdruck kommt. Doch dies entspricht mehr dem geistigen Weg der Jemenitischen, Marokkanischen und anderen Chassidischen Juden. In der Chabad-Bewegung hingegen ging es um Vermittlung zwischen der atomaren Energie der Seele und dem Rahmen des menschlichen Denkens, was durch die Verbindung der Schläfenlocken mit dem Bart zum Ausdruck kommt. In Chabad liegen unsere Bestrebungen darin, uns dieser Keter-Energie möglichst bewusst zu werden.3]

Der Mann, der seinem wahren Selbst ins Angesicht sieht

All das trifft auf einen durchschnittlichen Menschen zu, bei dem das Haar der Kopfhaut die Intensität der Keter-Eigenschaft der Seele nur über die Pejot vermitteln kann. Das Kopfhaar allein kann die Keter-Energie nicht ohne die Weiterfiltrierung durch die dazwischenliegenden Pejot befördern. Deshalb gebietet uns die Tora, die Pejot und den Bart stehen zu lassen, denn es sind die Kanäle, die uns den Zugang zur Heiligkeit unserer Seele verschaffen. Doch es gibt kein Gebot, die Kopfhaare wachsen zu lassen.

Daraus resultiert die besondere Stellung des Nasiräers, da er durch einen tiefgründigen Prozess des Meditierens und des Über-sich-Hinauswachsens versucht, zum Ursprung der Seele zurückzufinden. Eine solche Person, sagt die Tora, soll ihr Haar wachsen lassen, da ja jede einzelne Strähne eine unermessliche Heiligkeit und Tiefgründigkeit hervorbringt, die eine weit über jeglicher menschlichen Vorstellung stehende Verbindung zu G-tt ermöglicht.

Ein Nasiräer braucht keine Pejot, um diese Energie zu filtern und sie zu einem niedrigeren Verstandsniveau herunterzubringen, sondern der Nasiräer ist fähig, sein eigenes Selbst, ohne jegliche Maske, zu erleben.

Das Geheimnis des Kindes

Dies könnte der tiefer Sinn für den jüdischen Brauch sein, das Haar eines Jungen bis zum dritten Geburtstag frei wachsen zu lassen. In seinen ersten Lebensjahren ist der am stärksten der Umwelt ausgesetzte Teil des Kindes seine Keter-Dimension, – seine primäre, grundlegende Entwicklung. Während dieser Zeit ist es noch nicht reif genug, alle Erlebnisse und Stimuli durch den Verstand zu filtern. Seine Situation ähnelt viel mehr einem ausgetrockneten und deshalb alles tief in sich hinein saugenden Schwamm.

Obwohl wir manchmal den Eindruck haben, soviel zu lernen könne Kindern schwerer als uns selbst fallen, ist in Wirklichkeit die kindliche Aufnahmefähigkeit viel tiefgründiger, als bei uns. Diese reicht bis in den ursprünglichsten Teil der Seele, weil sein Aufnahmevermögen nicht durch die zahlreichen Schichten vorgefasster Gedankenschemen reisen muss. Wer nach seinen ursprünglichen Perspektiven fragt, soll seinen Kindern etwas Zeit widmen. Dort wird der Mensch seinem eigenen Keter begegnen, seinem inneren Selbst, das in den langen Strähnen zum Ausdruck kommt. Diese schmücken die Krone seiner Seele.

Nach dem dritten Lebensjahr beginnt ein bedeutungsvoller Prozess, - der des Intellektualisieren und des Systematisieren der Gedanken. In diesem Stadium fängt das Kind an, die Welt um sich herum durch Verstand und Herz zu verarbeiten – also durch sein Bewusstsein - und nicht mehr durch sein Über-Bewusstsein. Dies ist die Zeit, in der wir dem Kind helfen müssen, zwischen seinem angeborenen Sehnen und seiner äußerlichen Person, - zwischen seiner Seele und seinem Verstand - eine Brücke zu bauen.

Deshalb verpassen wir dem Dreijährigen einen Haarschnitt und schaffen durch die Pejot eine Brücke, die seine Keter-Seelenenergie in das niedrigere Gehirn (Verstand) hinunterträgt. Mit den Jahren bildet sich ein Bart, und es entsteht eine Verbindung zwischen der Erhabenheit der Seele und der Tiefgründigkeit seines Verstandes.

Durch die Pejot brechen

Das ist die tiefergehende Bedeutung der Prophezeiung der Tora, dass Moschiach die Pejot Moabs (die Fürsten Moabs) durchbohrt (tötet) (Num. 24:17). Moab stellt Weisheit dar. Wir müssen die Pejot bewahren, um die außer-rationale Energie im Rahmen der Verständlichkeit zu vermitteln. Doch wenn Maschiach kommt, werden sich die Türen zu unserem Wahrnehmungsvermögen öffnen, und wir werden dazu fähig sein, unserem wahren Selbst unerschrocken ins Angesicht zu sehen. Diese Kernenergie der Seele wird mit all ihrer Kraft zum Vorschein kommen, ohne jegliche Einschränkung oder Filterung durch die Pejot.

In diesem Sinn, tragen unsere kleinen Kinder das Licht von Moschiach in ihrem Haar.

[Die Angaben beruhen auf den Sohar, die Schriften des Ari, Likute Tora und anderen Quellen aus Kabbala und Chassidut]

Fußnoten
1.
Berühmte Nasiräer der Jüdischen Geschichte waren z.B. Samson und der Prophet Samuel, obschon sie nicht unbedingt den "herkömmlichen Enthaltsamen" vertreten, weil ihnen die Nasiräererzeit von Geburt an auferlegt wurde und lebenslänglich anhielt. Einige sagen, dass der berühmte Weise aus Rogatschov, Rabbi Josef Rosin (1858-1936), - der Autor von Zafnat Paanach und einer der größten jüdischen Denker des letzten Jahrhunderts, dessen Haar extrem lang war - es auf sich genommen hatte, Nasiräer zu sein. Andere behaupten, dass Rabbi Josef Rosin’ Widerstreben gegen das Haareschneiden auf die dabei empfundenen Schmerzen zurückzuführen sei. Vor etwa 30 Jahren lebte in Jerusalem der bis heute als "der Nasiräer" bekannte Rabbi David Kohen. Er widmete sein Leben der Weitergabe jener Lehren seines Rabbiners Rabbi Avraham Yitzchak HaKohen Kuk, des ersten Oberrabiners des Staates Israel, und dessen Schülers, Rabbi Jaakov Mosche Tscharlap.
2.
Erstmalig wird dieser Brauch explizit in den Schriften des Ari, Schaar Hakawanot, Paragraph 12, Injan HaPessach erwähnt. Dort beschreibt Rabbi Chajim Vital, wie sein Meister, Rabbi Jizchak Luria, einer der größten Kabbalisten der jüdischen Geschichte, die Zeremonie des Abscherens an seinem eigenen Sohn an der Gedenkstätte Rabbi Schimon Bar Jochais in Meiron, einer Kleinstadt nahe Sefat, vor über 400 Jahren ausführte. Im Midrasch Tanchuma, Kedoschim, Paragraph 14, sowie im Jeruschalmischen Talmud, Pea 1:4 finden wir eine Andeutung für diesen Brauch. Vgl. Chidischei Haritva, Beginn des Traktates "Schewuot" für eine ausführlichere Diskussion über die Ursprünge derselben Tradition. Weitere Informationen und Details sind in "Jalkut Hatesporet" (NY, 1997) von Rabbi Yitzchak Serebrianski und in "Upshernisch" (Sichot in English, NY, 1999) von Rabbi Eliahu Touger zu finden.
3.
Siehe "Schaar Hamizwot" und "Taamej Hamizwot", Paraschat Kedoschim; Bejt Lechem Jehuda. Glossar zu Jore Dea 181:1; Igrot Kodesch vom Rabbi von Lubawitsch Bd. 20 S. 10; Or HaTora, Paraschat Emor S. 588-93, und 5672 Bd. 2 S. 956-964
von Yosef Y. Jacobson
Rabbiner Yosef Yitzchak Jacobson lehrt Jüdisches Recht und Kabbala beim Rabbinical College Covevay Tora in New York. Zudem hält er auf allen fünf Kontinenten Vorträge über Israel, die Tora und jüdische Mystik. Von ihm stammt auch das Audiomaterial „A Tale of Two Souls“ – tiefschürfende Vorträge über das philosophische Werk „Tanja“. Mit seiner Fähigkeit jüdische Weisheiten zeitgemäss zu interpretieren, hat er das Leben unzähliger Menschen beeinflusst.
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